Rapha Festive 500 24.-31.12.2015 (Bericht + Bilder)

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dirksen1
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Rapha Festive 500 24.-31.12.2015 (Bericht + Bilder)

Beitragvon dirksen1 » 06.01.2016, 10:49

Rapha Festive 500, 24.-31.12.2015
„Sind ja nur 500“


Eine der schönen und hervorzuhebenden Eigenarten dieses Forums ist die Tatsache, dass es auch immer mal wieder etwas von nicht gelungenen Heldentaten zu lesen gibt, ohne dass diese in einem Shitstorm und endlosen Besserwisser-„hättest das man so oder so gemacht“-Kommentierungen endet. Demzufolge schreibe ich hier mal meinen 2015er Versuch des Rapha Festive500 runter. Nachdem ich 2012 die dafür geforderten 500 km zw. dem 24. und 31.12. in 4 Einzeltouren gefahren bin, wollte ich heuer meine Langstreckenliebe auch mal auf eine Wintertour ausdehnen.

Mit PBP und ungezählten 200+ Touren im Jahresgepäck war meine gute Form noch im Kopf (anscheinend nur dort...) und die selbstüberheblich dahingetönte „sind ja nur 500“-Floskel ein Mantra zur Selbstanfeuerung. Hier also nun meine Zusammenfassung einer durchaus zur Nachahmung empfohlenen Winterbeschäftigung. Allerdings unter anderen Voraussetzungen und Bedingungen, die ich noch definieren muss. :-)

Leider konnte ich meine beiden Wunschmitfahrer nicht überzeugen, also ging es allein auf die Strecke, einem Mix aus Hausrunde mit Skulpturenpfad bei Bad Salzdetfurth ergänzt mit langen Kilometern des Ostfalen-400er Brevets.

Hier mal die anvisierte Route: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=jrblzwlocrtsvbkf
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"Sind ja nur 500"

Der Versuch, das Festive500 am Stück zu fahren, unter miesen Vorzeichen… eine Tourbeschreibung etwas detaillierter als sonst, aber für mich auch eine Rekapitulation dessen, was ich mir da angetan habe. Freiwillig wohlgemerkt.

3 Tage Weihnachten mit Family. 3 Tage zwischen Sofa und Esstisch pendeln, dazwischen wenig schlafen und reichlich Alkohol trinken. Super-Idee vor einer solchen Herausforderung. Dazu dann noch die Tatsache, dass ich im Dezember krankheitsbedingt bisher nur eine einzige Tour gefahren war.

„Sind ja nur 500“

Am 27.12. Mittags daheim angekommen, gefühlt eine Million Kleinkram-Kartons aus dem Auto pulen, Klamotten sortieren, Waschmaschine füttern, … Am Nachmittag dann schon leichtes Unwohlsein in der Magengegend, das ich auf die Völlerei zurückgeführt hatte. Abends dann „mal eben“ das Radel für die Tour zurechtpusseln. Tour total unterschätzt, Andre total überschätzt. „Ach ja, die Pedale wolltest du ja noch tauschen, weil sich die rechte kaum noch dreht“…also flugs das linke Pedal ab.

5 Minuten sind rum…

Rechts geht nicht lose, WD40 rein, warten, nächster Versuch, geht nicht lose, kurze Schläge mit dem Gummihammer auf den Inbus, geht nicht lose, noch mehr WD40, warten geht nicht lose, ne Gedore-Nuss vernudelt….

1 Stunde rum...

Pedal von der Achse schrauben, die Achse beidseitig planfeilen, so dass ein Maulschlüssel greift. Mit ner Verlängerung den Maulschlüssel beim Versuch ABGEBROCHEN! Ok, Schraube ausbohren, keine große Sache, an meinem Treckingrad auch schon mal durchexerziert. Nach gefühlten 10 Minuten rumrühren in dem ohnehin ausgelutschten Innensechskant bricht der Bohrer ab…

2 Stunden rum…

Frustriert, schlecht gelaunt, genervt, müde usw. dann das Winterrad mit Oberrohrtasche und Lampen bestückt, den Mini-Rucksack mit einem ganz kleinen „Brevet-Gepäck“ gefüllt und mit nem Teller Nudeln (den man um 22:30 Uhr besser nicht essen sollte) ins Bett, vor lauter Ärger und Aufregung erst ne Stunde später (oder so) eingeschlafen, morgens um halb sechs klingelte meine innere Uhr, super…ich war so müde wie selten morgens.

Luft am Rad prüfen, Duschen, Müsli…normales Ritual, nach dem Müsli die Vorwarnung von Montezumas Rache ignoriert.

„Sind ja nur 500"

Also los ging‘s um halb neun. Einrollen, den eher langweiligen Skulpturenpfad komplett (gemäß der Internetseite) gefahren, um ein wenig Abwechslung in die immer gleichen Wege nach/durch/über Bad Salzdetfurth zu bringen. Irgendwann kam ich guter Dinge in Dorste an, erste Pause nach etwa 90 km, lecker Kakao, Kaffee, ein Brötchen bei nem Bäcker in strahlender Sonne und 15 Grad Wärme.

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Der fiese Stich hinter Dorste tat weh, klettern war mühsam…Lange und stetig ansteigend bis zum ersten „richtigen“ Berg kurbelte ich von dort mit einer kurzen Rast in Duderstadt nach Heiligenstadt. Montezuma wurde stärker, speziell in den Anstiegen kämpfte ich außer gegen den Berg auch gegen die Schmerzen im Magen, die schub- und krampfartig kamen… Mein Kopf meldete andauernd, dass das Unternehmen scheitern könne. Und wenn der Kopf das sagt, ist alles, was du tust, egal. Meine Motivation sank und meine Überzeugung, es schaffen zu können, ebenfalls.

„Ok, Heiligenstadt, von hier aus geht es gen Osten, 10 km leicht hoch, dann über 20 km nur noch bergab“. Ich machte eine längere Pause, erholte mich sogar und rollte einigermaßen gut bis bei Mühlhausen, um dann mit erneuter Stärkung durch’s (über’s) Helbetal nach Nordhausen zu kommen.

In Nordhausen dann ne Pizza. Schwerer Fehler, aber „Sind ja nur 500“.

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Was immer ich mir da eingefangen habe, war schon vor der Tour da. Innerhalb von vielleicht 5 km fiel mein gesamtes System aus den Latschen. Ich hatte einen Durchhänger auf dem elend langen Stück von Heiligenstadt nach Nordhausen. Komplett gegen den starken Ostwind ließ ich viele Körner.

In Nordhausen an der bekannten Tanke eine längere Pause, alles wieder gut. Über Berga in den Harz, 2 lange Anstiege bis Harzgerode, noch einen kürzeren, Quedlinburg war erreicht, es ging mir entsprechend den Umständen wieder „fast gut“.

War tatsächlich entspannend und schön, in der Finsternis durch den Harz zu fahren. Ich liebe solche einsamen Momente auf dem Rad, da definiert sich Radfahren ständig neu und ständig schön. Raschelnde Geräusche links und rechts der Straße, ab und zu ein Tier, dass die Straße überquert. Kaum Autos, da war er, der Moment, in dem mein Kopf wieder Besserung meldete. Kraft in die Beine abgab. Die 300er Marke kam in greifbare Nähe, eine wichtige Landmarke. Aus Quedlinburg setzte ich noch eine „Alles OK“-SMS ab, Lebenszeichen für daheim.

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Warme Füße, „sind ja nur 500“

Dann kam er, der Hammer. Kurz gen Norden, ging es bald rechts rum auf eine denkwürdige Gegenwind-Gerade Richtung Staßfurt. Innerhalb von gefühlten 500 m bekam ich dann Montezuma voll zu spüren, es grummelte und brummelte, dass ich vor Schmerzen kaum mehr treten konnte. „Ok, mag langsam, Andre“...dachte ich mir, „niemand hetzt dich“.

Mangels Infrastruktur in der Gegend dort ab ins ec-Hotel in Schadeleben, einem kleinen Nest im Nirgendwo... ungeplante Pause, ausruhen, Wärme, dann wird’s besser“ dachte ich mir. Wecker auf 60 min, mehr schlecht als recht eingeschlafen. Als ich aufwachte, Schüttelfrost. Ich zitterte so dermaßen am ganzen Körper, dass ich kaum in die Jacke kam. „Das geht nicht mehr lange gut“, war meine feste Einschätzung der Situation. Kopf sagt zum zweiten Mal nein!

„Das war’s, Andre“, sind ja doch 500!

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Nicht mal meine bewährte Brevet-Nahrung wollte heute helfen.

Aber was tun? 3 Uhr morgens im Niemandsland? Kein Handyempfang (wie in einem schlechten Film…). Also mal gucken, Garmin zoomen, weiterradeln, Staßfurt ist ja eine etwas größere „Stadt“, bis dahin waren es nur 20 km. Das sollte doch gehen.

Es ging nicht. Die Tanke in Schneidlingen hatte zu, kein wärmender Kakao erreichbar und ich konnte vor Zittern kaum geradeaus fahren. Irgendwo dann rechts ran, oben raus mit dem Mageninhalt… Ein Kumpel aus Hannover hat so den Ötztaler überstanden, oben auf Jaufen Finger in den Hals, raus mit dem Mist und dann mit entspannter Magengegend weiterfahren. „Kann ja nicht schaden“, dachte ich mir, also gut. Kurz gurgeln mit eiskalter Powerbar-Isobrause, besser wurde es nicht, eher schlimmer.

In Löderburg bei Staßfurt dann ab ins ec-Hotel, hinlegen, schnell wieder raus, noch mal übergeben, Wecker auf 50 Minuten stellen. Bin dann fix eingepennt, insgesamt war es dort wärmer und ich hatte einen Logenplatz längs neben der Heizung. Als der Wecker bimmelte, zitterte ich immer noch, mein Magen war zwar leer, signalisierte mir aber sehr deutlich, dass er weitere Nahrungsaufnahme kategorisch verweigern würde und weil man ohne Nahrung zitternd bei 3 Grad um 4 Uhr morgens nicht auf ne 200 km-Tour gehen kann, wenn man die 300 zuvor schon gelitten hat, stoppte ich den Garmin und rief daheim an.

Ich danke dem Karpatenbaby unendlich für ne 260 km Autofahrt ins Niemandsland und zurück morgens um halb Fünf. So endete mein letzter 300er des Jahres 2015 ;-) Als ich im Auto saß, war ich irgendwie glücklich, froh, entspannt, nach Hause…ins Bett…Wärme…

Als Belohnung für die Dummheit hatte sich Montezuma entschlossen, mir auch noch die "Tage danach" zu vermiesen, erst am Morgen des ersten Januars kam ich dank einer Batterie von Magen…-Medis wieder einigermaßen auf die Beine, trank das erste Mal wieder nen Kaffee, der aber kaum da blieb, wo er hinsollte. „Ok, Medis rein“…am Nachmittag/Abend war alles wie weggeblasen. Nur auf Eines hatte ich absolut keine Lust: Radfahren. Bis heute steht das Rad so in der Tenne, wie ich es am 31.12. irgendwann aus dem Auto geholt habe…geh mir weg…
ES LIEGT NIE AM RAD!
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Helmut
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Beitragvon Helmut » 06.01.2016, 10:53

:Sehrlachend: Geil!

Aus diesem Selbstversuch kannst Du eigentlich nur gestählt hervorgehen. Wird vielleicht ja noch ein paar Tage dauern, aber dann wird sicherlich wieder angegriffen.
Wenn's um die Wurst geht, sollte man gut abschneiden.
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Beitragvon Sonne_Wolken » 06.01.2016, 22:35

Interessanter, gut geschriebener Bericht. Manchmal muss man auch grandios scheitern. Das gehört einfach dazu. Zumindest hast Du Deinen Humor nicht verloren. :OK:
LG Jennifer

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Beitragvon harald_legner » 06.01.2016, 22:52

Das Coole am Scheitern: Man hat meist die viel besseren Geschichten zu erzählen. ;-)

Was ich nur nicht verstehe: Du magst seit fast einer Woche nicht Rad fahren? Das geht doch gar nicht!
[hl]
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Beitragvon kocmonaut » 06.01.2016, 23:53

Hallo Andre,

So hast Du Dich noch nie über Dich selbst beklagt. Dennoch: Du schreibst immer noch über Dein Schicksal, indem / in dem (?) Du Dich selbst anklagst.

"I'm a looser baby so why don't you kill me...!?" Nö. Eine Reise zur Selbsterkenntnis ist immer ein Gewinn. Insofern hast Du in Deinem Scheitern gewonnen. Und an Ansehen.
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Beitragvon mad.mat » 07.01.2016, 07:20

Danke für den tollen Bericht. Genau richtig zur Bambinominierung.
Wir sehen uns da oben, Tschüss Helmut
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Konkursus
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Beitragvon Konkursus » 07.01.2016, 11:37

Herzlichen Glückwunsch zu Deiner Entscheidung und zu Deinem Bericht!

Trotz des "traurigen" Hintergrunds musste ich bei der Schilderung des Reparaurversuchs doch innerlich lachen.

Nur wer solche Erfahrungen gemacht hat, kann daran wachsen. So hast Du vielen - nicht nur in dieser Hinsicht - einiges voraus.

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