Vom Bohren dicker Bretter

Knud
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Vom Bohren dicker Bretter

Beitragvon Knud » 02.04.2018, 23:40

Hamburgs Radverkehrskoordinatorin zu Gast beim RVH

Handtuchbreite „Radwege“ in oft schlechtem Zustand, Schlaglöcher, unklare Beschilderung oder von der Stadtreinigung zugeschobene Radstreifen kennen wir alle. Die Liste der Unzulänglichkeiten im Hamburger Radnetz ist schier unendlich. Dabei hat die Politik Hamburg zur Radstadt erklärt. Wie passt das?

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Hamburg seit gut zwei Jahren mit Kirsten Pfaue eine Radverkehrskoordinatorin. Am 14. März. begrüßte Arne Naujokat als Vizepräsident Breitensport des RVH Kirsten Pfaue in Räumlichkeiten des NDR als Gesprächspartnerin.
Dieses war der Auftakt der neuen Reihe „Reden wir drüber“. Der Radsportverband Hamburg will in loser Folge mit Akteuren im Radsport oder auch zum Thema Fahrrad ins Gespräch kommen.
Kirsten Pfaue war es ein Anliegen, die Umsetzung der „Radpolitik“ in Hamburg und das Bündnis für Radverkehr vorzustellen. Dieses Bündnis soll dazu beitragen, den Radverkehrsanteil in Hamburg zu verdoppeln. Das ist das offizielle Ziel der Stadt.
In der Öffentlichkeit erscheint sie manchmal als Einzelkämpferin, dabei leitet sie einen Arbeitsstab mit mehreren Mitarbeitern. Ein wichtiges Instrument ist das Bündnis für den Radverkehr. Es bündelt Senatsbehörden, die sieben Bezirksämter und weitere Institutionen. So sieht Pfaue das Ziel erreicht, dass hamburgweit verzahnt vorgegangen wird und so bei allen Straßenplanungen und anderen Vorhaben der Radverkehr mitgedacht wird. Letztlich bauen die Bezirksämter und andere Träger wie die Hamburger Port Authority (HPA) die Radwege und nicht die Radverkehrskoordinatorin.

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Quelle Drucksache 21/12279 der Bürgerschaft Hamburg Bestandsaufnahme, der größte Teil der Velorouten ist unzulänglich

Hamburg bisher Stadt für Autos

Auch Kirsten Pfaue stellt fest, dass Hamburg für Autos gebaut wurde. Als Realistin beschränke sie sich auf das Machbare. Und das soll vor allem das Netz der 14 Velorouten werden. Dieses Konzept ist 20 Jahre alt, aber es wurde nur halbherzig und ohne ausreichende Finanzmittel umgesetzt.
In der Bestandsaufnahme wurde auf 150 von 280 km dringender Handlungsbedarf erkannt. Einige Routenführungen wurden auch verändert.

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Quelle Drucksache 21/12279 der Bürgerschaft Hamburg März 2018 Wenig Änderung beim Zustand, aber Planungen wurden angeschoben

Erste Maßnahmen sind fertig gestellt (z.B. Westufer Alster), dennoch sind die Routen eher ein Flickenteppich aus guten und unbrauchbaren Abschnitten. Ziel muss es sein, so Pfaue, dass der Radfahrer möglichst lange Strecken zügig fahren kann. Für Rund 90% der Wege sind Planungen eingeleitet, das geht von konkreten Umbauplanungen für Kreuzungen bis hin zu Machbarkeitsstudien. Die Vorlaufzeiten auf Grund der komplexen Planungen sorgen dafür, dass derzeit noch nicht so viel zu sehen ist.
Aber einzelne Projekte seien bereits abgeschlossen. In den Jahren 2019/20 soll an vielen Stellen gebaut werden, so dass die Routen dann weitgehend zur Verfügung stehen. Allerdings könne es bei dem Bauboom auch schwierig werden, genügend Baufirmen zu finden. Ab 2019 sollen die Velorouten auch stärker beworben werden, also erst, wenn sie über längere Abschnitte fertig sind.
Außerdem müssen verlässliche Nutzerzahlen her. Dazu sollen weitere sichtbare Zählstationen und Zählschleifen gebaut werden.

Radverkehr als Teil des Mobilitätsverbundes

Pfaue propagiert einen neuen Mobilitätsverbund. Dazu gehören neben dem normalen Fahrrad auch E-Bikes, Car-Sharing und das Stadt-Rad. Aus dem Umstand, dass Pendlerstrecken für viele zu lang fürs Rad sind, der HVV aber die Radsperrzeiten im Berufsverkehr nicht aufheben wird, folgen zwei Maßnahmenpakete: Zum einen werden Rad-Abstellanlagen an Schnellbahnstationen gebaut, in denen auch hochwertige Fahrräder sicher abgestellt werden können. Zum anderen wird die Anzahl der Stadt-Rad-Stationen erhöht, damit auch für die „letzte Meile“ ein Rad da ist.
Pfaue kündigte im Rahmen des Gesprächs an, dass Hamburg ab April bis einschließlich Juli diesen Jahres kostenlos eine App zur Verfügung stellen werde, die zum einen Routenplaner anbietet und je nach Wunsch durch alle Hamburger Radwege navigiert ( zum Beispiel die schnellste Route, die komfortabelste Route oder die schönste Route). Ab Mai wird das Angebot um ein Bike Benefit Programm erweitert und soll durch Spaß und Anreize zum Radfahren motivieren.
Radpolitik sei „Angebotspolitik“, daher soll eine gute Infrastruktur angeboten werden. Die Planung sei viel komplexer, als beim Autoverkehr. Autofahrer führen „alle gleich“ (schnell). Die Bedürfnisse der Radfahrer sind hingegen sehr verschieden, ob Alltagsfahrer (schnellere, langsamere, unsichere usw. ), Rennradfahrer, E-Bike-Fahrer usw. - alle fahren anders. Damit sieht für (fast) jeden der perfekte Radweg anders aus.
Die Metropolregion Hamburg erstellt Machbarkeitsstudien für Radverkehrsschnellwegen, die einst aus dem Umland (z.B. Pinneberg, Stade) nach Hamburg führen sollen.
Bei den Planungen sind aber auch viele Interessen zu berücksichtigen, etwa Naturschutz oder die Koordination mit der DB, wenn Bahnstrecken gekreuzt werden sollen.

In der Diskussion ging es auch um viele konkrete Erfahrungen. Schlechte Beispiele für Radwege, fragwürdige Kreuzungen und unglückliche Ampelschaltungen. Einig war man sich, dass derzeit die Granulate ein viel größeres Ärgernis sind, als Schnee auf Radwegen. Bei der Straßenreinigung hat sich schon einiges geändert. Aber zuerst werden die Straßen mit Metrobuslinien geräumt.
Auch wenn alle Zuhörer Rennradfahrer sind, hatten wir doch die Brille der Alltagsfahrer auf. Die Stadt ist nicht für Rennrad-Training geeignet, das erwartet auch in Zukunft keiner.

Fazit:

Ein interessanter Abend, der aber natürlich viel zu kurz war, um alle Themen erschöpfend zu diskutieren. Aber Kirsten Pfaue ist mehr als offen für Fragen und Anregungen. Man kann fragen, ob die Beschränkung auf das Machbare nicht zu wenig mutig ist. Aber vielleicht folgt auf das Velorouten-Netz ja ein Ergänzungsnetz in ähnlicher Länge.
Der Spruch mit den dicken Brettern ist in der Veranstaltung nicht gefallen. Aber ich habe mitgenommen, dass die langen Planungsabläufe und die Notwendigkeit „Rad“ in der Verwaltung zu verankern, einen langen Atem benötigen. Wir brauchen noch viel Geduld, aber ab 2020 sollte der Fortschritt erfahrbar sein.
Die Veranstaltungsreihe hatte einen gelungen Auftakt. Den weiteren Veranstaltungen ist ein etwas größerer Zuspruch aus den Reihen des Radsportverbandes zu wünschen.

Knud
joerg
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Re: Vom Bohren dicker Bretter

Beitragvon joerg » 05.04.2018, 12:11

Respekt für deine textliche Arbeit.
Gebohrt wird vielerorts (auch bei der Debüt Veranstaltung) mit verbundenen Augen.
Radwege und dergleichen sind in Hamburg miserabel. Nein, nicht seit den 60er, 70er Jahren - auch nach den bisher schon "verkauften" Konzept-Resultaten.
Aus dem Nichts ein Streifen, aus heiterem Himmel ein Pinselstrich, Hinweise an Verkehrsteilnehmer fehlen - uns erlaubte und nicht erlaubte.
Wenn ich aus dem Osten HH in die Stadt möchte ist die neue Route ab Billstedt ideal, jeder andere Weg wird zur Pein. Im Epizentrum Eimsbuttel komme ich fortan (nach Fertigstellung) auf der Straße geschützt
Voran - und während der Cyclassics gar etwas weiter hinaus.
Als Ansprechpartner und umsetzende Behörde, gehört die Polizei nicht nur ins Boot geholt, sondern mit einem neuen Kurs auch ans Ruder gelassen.
Verkehrserziehung als Thema. Das und Radbeherrschung bei den kleinsten. Mehr als nur mit Hauptwachtmeister Schabuttke im Gänsemarsch um den Block. Unüberdachte Bike Parks und Abstellmöglichkeiten an Schulen (und andernorts) sind ein NoGo im Jahre 2018! Piktogramme auf die Straße, Handzettelinfos an Verkehrsteilnehmer, Info Tafeln, all das ist einfacher umzusetzen, als die Versäumnisse von 30, 40 Jahren im Gießkannenprinzip (Modell XXS) wettmachen zu wollen.
Wieso mehr Teilnehmer vom Radsportverband? Ein Drittel der Anwesenden war aus diesem. Mehr von EUCH!
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Re: Vom Bohren dicker Bretter

Beitragvon VeloC » 03.05.2018, 20:30

Dann bin ich mal gespannt auf 2020! Bei der Polizei scheint momentan auch noch ein dickes Brett rumzuliegen, wenn man dem Zeit-Artikel glauben darf:

https://www.zeit.de/2018/19/radwege-aut ... senverkehr

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