5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

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5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 01.02.2017, 19:13

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Sechs Jahre nach Hamburg darf in diesem Jahr Essen den Titel Grüne Hauptstadt Europas (GHE) tragen. Schlagendes Argument bei der Bewerbung war die erfolgreiche Bewältigung des Strukturwandels und die Umgestaltung ehemaliger Industriebrachen in attraktive Wirtschafts- und Freizeitstandorte: viel Grün, wo vorher Grau war. Ebenso wie Hamburg damals hatte Essen gegenüber seinen Konkurrenten aber ein gewaltiges Manko beim Thema Mobilität: autobahnähnlich ausgebaute innerstädtische Straßen, über die sich die Blechlawinen wälzen und alles mit ihren Abgasen einnebeln, während der mickrige verbleibende Restraum für Fußgänger und Radfahrer vielfach auch noch als illegaler Parkraum für Kraftfahrzeuge missbraucht wird, ohne dass deren Halter sich ernsthafte Sorgen um Konsequenzen machen müssten.

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Was also tun? Das Thema offensiv anpacken, wie es als GHE-Bewerber zuletzt Ljubljana erfolgreich vorgeführt hat? Indiskutabel, denn das würde ja bedeuten, "den Verkehr" einzuschränken, der in der Essener Definition ausschließlich motorisiert erfolgt. Um ihre Bewerbungschancen dennoch nicht komplett zu zerschießen, beschloss die Stadt eine Doppelstrategie: zum einen die ohnehin laufende Weiterentwicklung der bereits heute teils sehr schönen touristischen Radrouten u.a. auf alten Bahntrassen – lobenswert, allerdings mit begrenztem verkehrstechnischen Nutzen.

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Zum anderen die Behauptung, bis zum Jahr 2035 einen Modal Split aus vier gleichgroßen Teilen erzielen zu wollen: jeweils 25 % Rad-, Fuß-, Öffentlicher Nah- und motorisierter Individualverkehr. Wie das genau geschehen sollte, ohne letzteren in irgendeiner Weise einzuschränken und mit einem Einsatz von knapp 90 Cent pro Einwohner und Jahr, darüber hüllten sich die Verantwortlichen, nein, nicht in Schweigen, aber in diffuses Fantasiegeschwurbel, das jedoch ausreichte, um die Jury am Ende ihre Bauchschmerzen ignorieren zu lassen. Den größten Anteil an diesem Erfolg dürfte der harte Kern der ansonsten watteweichen Aussagen gehabt haben: Der zügig geplante Weiterbau des Radschnellwegs Ruhr, kurz RS1. Während zwischen Mülheim/Ruhr Hauptbahnhof und der Essener Stadtgrenze bereits die Fahrbahn im Radschnellwegstandard mit getrenntem Fußweg gebaut wurde, ist der künftige RS1 im Essener Westen bis zur Universität nördlich der City derzeit noch ein gemeinsamer Rad- und Fußweg, teils wassergebunden, mit einigen für gemischten Verkehr deutlich zu engen Brücken und einer sehr zeitraubenden Ampelquerung am Berthold-Beitz-Boulevard. Für diesen Abschnitt wurde der baldige Ausbau zu einem "richtigen" Radschnellweg zugesagt, einschließlich der lang ersehnten Brücke über den BBB. Die gute Nachricht: An dieser Stelle sollen den Worten tatsächlich noch in diesem Jahr erste Taten folgen!

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Mit viel größerer Spannung blickten die Radfahrer jedoch bereits seit Jahren von der Essener Uni Richtung Osten; auf der Karte sind das die Abschnitte E04 bis GE01: Wann wird es hier endlich weitergehen? Erst Mitte Januar erschien die erlösende Nachricht auf der offiziellen RVR-Seite zum RS1: Jetzt sofort! Und zwar durchgehend auf dem alten Damm der Rheinischen Bahn und mit weitgeschwungener Brücke über die vielbefahrene Gladbecker Straße (auf dem Foto im Hintergrund die Uni, davor der Bahndamm Richtung Mülheim; an der Mauer rechts beginnt der Bahndamm Richtung Gelsenkirchen/Bochum):

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Der Euphorie folgte am 24. Januar der Schock: Nichts wird weitergehen, denn Vertreter von SPD und CDU haben das bereits im November im Ausschuss für Stadtplanung erfolgreich geblockt! Durch ihren eilig beantragten Planungsstopp für die Trasse südlich des Eltingviertels ganz im Westen von "E04" wurde verhindert, dass der hochoffizielle erste Spatenstich für diesen Abschnitt wie beabsichtigt noch im November hätte erfolgen können. Das wäre aber dringend nötig gewesen, denn im Dezember trat die Verschärfung des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG) in Kraft, weshalb nun für den Teil des Weges, der am Chemiewerk Evonik Goldschmidt vorbeiführt, eine langwierige UVP nebst noch langwierigerem Planfeststellungsverfahren gefordert ist. Keine zwei Tage nach Abschluss der feierlichen Eröffnungsparty zur Grünen Hauptstadt droht dem einzig nennenswerten Verkehrsprojekt der Bewerbungsmappe nicht nur ein langjähriger Baustopp, sondern auch eine dauerhafte Lücke, mitten auf der wichtigsten Achse im Herzen des Ruhrgebiets! Und das wegen diffuser "Quartiersentwicklungspläne", die auch den Abriss des wichtigen Bahndamms beinhalten, und seit Jahren sorgfältig unter Verschluss gehalten werden.

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Eine kompakte, aber umfassende Übersicht der Faktenlage und der dahinter stehenden Interessen hat Mirko Sehnke vom ADFC Essen hier zusammengestellt (Stand 27.01.2017).

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Für Samstag, den 28.01.2017 um symbolträchtige 11:55 rufen die Essener Radverbände zu einer Infoveranstaltung am umstrittenen Ort auf. Dass Olaf und ich hingehen, versteht sich von selbst. Karo, mitten in der Vorbereitung auf einen Haufen wichtiger Klausuren, überwindet ihr schlechtes Gewissen, die Bücher mal für ein paar Stunden liegen zu lassen; aus Sorge, es wäre noch größer, wenn sie nicht dabei ist. Viel zu früh sind wir vor Ort, und ich werde gleich per Armbinde zum Ordner ernannt. Nicht dass irgendwelche Randale zu erwarten wäre – auch die anwesenden Kollegen von der Essener Polizei sehen der Veranstaltung sehr entspannt entgegen – aber die zugesagte Anzahl an offiziellen Ordnern soll frühestmöglich sichergestellt werden.

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Langsam füllt sich der Viehofer Platz am nördlichen Ende des Essener Stadtkerns. Neben Massen von grundsoliden Alltagsrädern gibt es auch einige ausgefallene Exemplare zu bewundern, wie das Vintage Bike von Dan:

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Olaf nutzt unsere frühe Ankunft, um noch schnell eine Kletterpartie auf den umkämpften Bahndamm zu unternehmen und ein paar Fotos zu schießen. Hier der Blick nach Osten; rechts sieht man das frisch renovierte Hochhaus am Viehofer Platz, das nach den Träumen der Spekulanten zusammen mit dem Bahndamm und den angrenzenden Wohnhäusern planiert werden soll – alles unter der Behauptung, bezahlbaren Wohnraum schaffen (!) zu wollen.

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In die Gegenrichtung erahnt man auf der rechten Seite hinter dem Bauzaun noch den traurigen Überrest des abgefackelten historischen Reiterstellwerks. Werfen die aktuellen Entwicklungen möglicherweise ein neues Licht auf die damalige Brandstiftung? Das Reiterstellwerk war in der kurz zuvor veröffentlichten Machbarkeitsstudie noch als ein wichtiger Pluspunkt einer Führung des RS1 auf dem Bahndamm erwähnt worden und drohte, unter Denkmalschutz gestellt zu werden. Das hätte das prompte Aus für die Abrisspläne des Bahndamms bedeutet, und wir müssten jetzt nicht hier stehen. Da kommt man schon ins Grübeln…

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Gegen 11:45 haben sich bereits über 100 Radfahrer eingefunden. Die Critcal Masses aus den Nachbarstädten sind alle vertreten – Duisburg wie üblich in unterkritischer Besetzung. Viele Teilnehmer haben Heckenscheren und ähnliches Werkzeug dabei, um klarzumachen, dass sie durchaus bereit sind, sofort und persönlich mit den nötigen Vorbereitungsarbeiten auf dem Bahndamm zu beginnen.

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Der Presseauflauf ist beeindruckend: WAZ und Radio Essen versteht sich von selbst, aber auch RTL und ZDF sind vor Ort und führen zahlreiche Interviews. Die "Welt" hatte im Vorfeld bereits über den Fall berichtet. Als GHE steht man eben doch ein bisschen mehr im Scheinwerferlicht als im Normalbetrieb, und im besten Fall leuchten die Scheinwerfer dann unerwartet doch ins kuschelige Hinterzimmer an den Mauscheltisch. Hoffen wir es!

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Pünktlich um 5 vor 12 eröffnet Frank Rosinger vom Essener ADFC die Kundgebung. Hinter den von ihm vorgetragenen Forderungen stehen wir alle geschlossen:
  • Aufteilung des RS1 bis Bochum in 3 unabhängige Abschnitte,
  • UVP und Planfeststellungsverfahren nur für Abschnitt 2 direkt am Chemiewerk,
  • Abschnitt 3, östlich von Evonik bis zur Bochumer Stadtgrenze: Planung und Bau wie Mitte November verkündet unverzüglich starten,
  • Abschnitt 1, im Westen, südlich des Eltingviertels: Unverzüglicher Planungsbeginn einschließlich der Brücke über die Gladbecker Straße, Erhalt des Bahndamms und der Brücken.
Allgemein:
  • sofortiger Bau aller baufähigen Teilabschnitte,
  • Rodungsarbeiten bis Ende Februar abschließen,
  • Einhaltung der baulichen Standards für Radschnellwege wie Kreuzungsfreiheit und Durchgängigkeit,
  • Sicherung der Fördermittel und, ganz wichtig:
  • Wiederherstellung des Vertrauens durch Offenlegung aller Pläne, Schluss mit der Mauschelei im Hinterzimmer!
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Die Polizei ermöglicht uns den Luxus einer unbehelligten Überquerung des achtspurigen Viehofer Platzes, damit wir uns zum Gruppenfoto vor dem gefährdeten Bahndamm aufbauen können. Dass nur ja keiner dabei in die kostbaren neu gepflanzten Stauden reintrampelt, die sind nämlich ein ganz wichtiges GHE-Projekt!

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Und jetzt bitte alle mal Daumen hoch!

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Nachdem alle Bilder im Kasten sind, wird die Veranstaltung offiziell aufgelöst. Grünen-Ratsherr Rolf Fliß, nebenbei Vorsitzender und Urgestein der Essener Fahrradinitiative (EFI) bietet anschließend für Interessierte noch eine Radtour mit Informationen über die Details des umstrittenen Abschnitts und über den außerdem geplanten Bernetal-Radweg an.

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Exakt 70 Teilnehmer (danke fürs Zählen, Jörg!) folgen der Einladung. Die Polizei nimmt die "spontane gemeinsame Radtour als geschlossener Verband" gelassen hin, obwohl wir uns nicht exakt an die vorgeschriebene Zweierreihenformation halten, sondern eine ganze Fahrspur in Anspruch nehmen – dies allerdings sehr diszipliniert. Am derzeitigen Ausbauende der Rheinischen Bahn südlich der Uni stoppen wir erstmals:

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und kurz darauf 200 m weiter am Ende des Bahndamms an der Gladbecker Straße:

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Geradeaus blickt man auf das Widerlager nördlich der einmündenden Blumenfeldstraße. Hier soll bald der Bernetal-Radweg seinen Anfang nehmen und nach einem scharfen Linksschwenk hinter der Häuserzeile den Anschluss zwischen RS1 und Berne-Route herstellen:

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Auf der Südseite der Blumenfeldstraße liegt der für den RS1 vorgesehene Bahndamm, für dessen Erhalt wir weiter kämpfen werden. Somit drängt es sich förmlich auf, die beiden erforderlichen Brücken über die Gladbecker Straße gleich in einem Rutsch als zusammenhängende Y-Form zu bauen. Laut Rolf Fliß stehen die Zeichen dafür gut, denn er hat die Idee schon bei den verantwortlichen Stellen angebracht und ein insgesamt positives Echo erhalten. Es sieht also nicht alles duster aus im Zentrum des Kohlenpotts, ähem, der Grünen Hauptstadt natürlich!

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Wenig später werfen wir aus nördlicher Richtung einen Blick auf die Brücke über die Schützenbahn, die den östlichen Abschluss des von Spekulanten bedrohten Abschnitts 1 bildet und selber ebenfalls ein Abrisskandidat wäre. Ein Schmuckstück ist sie nun wirklich nicht, aber voll funktionsfähig, deshalb kann man sie auch nutzen, verdammt! Ein Abriss würde eine bleibende Lücke im RS1 bedeuten, denn irgendeine auch nur halbwegs akzeptable Alternative für die Querung der Schützenbahn gibt es nicht.

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Mitten über den vom UVPG betroffenen Abschnitt 2 führt die Herzogstraße, wo wir eine weitere Foto- und Infopause einlegen:

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Von hier hat man einen guten Blick auf das Chemiewerk und die ab hier von Evonik immer noch teilgenutzte Bahnstrecke. "Unsere" Gleise braucht niemand mehr, aber wir die darunterliegende Trasse!

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Zum Abschluss nimmt Ulrich Pabst, grüner Bezirksvertreter im Essener Nordosten, uns noch mit auf eine Infotour zur Intercity-Route, die in Abschnitten weiterhin so steil bleiben wird, dass Otto Normalradler lieber schiebt. Landschaftlich sehr hübsch, aber der Versuch der Stadt, die als Alternative zum auf Eis gelegten RS1 zu verkaufen, kann nur als schlechter Witz aufgefasst werden.

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Bevor es an die Steilanstiege geht, klinken Olaf und ich uns mit ein paar anderen Teilnehmern aus und kehren in die City zurück. Karo war bereits nach der Kundgebung an ihre juristische Fachliteratur zurückgekehrt. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle Organisatoren und Teilnehmer der Veranstaltung und auch an Team Blau, die trotz der kurzfristigen Anmeldung und des heißen Themas für einen sehr entspannten Ablauf gesorgt haben!

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Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, denn nach dem großen Medienrummel sind alle Verantwortlichen eifrig um Schadensbegrenzung bemüht. Bereits am Tag vor der angekündigten Demonstration kam die Nachricht, dass der geforderten Dreiteilung der Strecke entsprochen und der östliche Abschnitt zügig gebaut werden wird.

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Keine vier Monate vor der NRW-Landtagswahl ist Landesverkehrsminister Michael Groschek (SPD) nicht bereit, sich sein Prestigeprojekt, für das er sogar eine Gesetzesänderung, die Gleichstellung von Radschnellwegen mit Landesstraßen, durchgekämpft hatte, in irgendeiner Weise beschädigen zu lassen. Zusammen mit Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) und den Fachjuristen aus beiden Ministerien klärt er momentan ab, ob es tatsächlich zwingend erforderlich ist, für einen Radweg das eigentlich für mehrspurige Straßen mit Kraftverkehr formulierte UVPG in aller Detailtiefe anzuwenden. Womöglich lässt sich aus der Gesetzeslage ja doch eine Möglichkeit für ein vereinfachtes und deutlich kürzeres Verfahren ableiten?!

Update, 01.02.2017, 16:53: Das Umweltministerium gibt grünes Licht!

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Das einzige was jetzt noch fehlt, ist eine klare Aussage der Stadt Essen, die weiterhin unter Verschluss gehaltenen Pläne für den Abriss des Bahndamms am Eltingviertel zu begraben oder wenigstens mal zu veröffentlichen. Immerhin wird angekündigt, nach der nächsten Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung, die Radverbände einzuladen, und ab dann auch prompt und umfassend zu informieren. Wir werden sie beim Wort nehmen: Am 02. Februar während der Sitzung ist schon mal eine Mahnwache vor dem Rathaus geplant.

Einen ganzen Stapel fundierter Lösungsvorschläge, das Eltingviertel ohne Abriss des Bahndamms nach vorn zu bringen, präsentiert Grünen-Geschäftsführer Joachim Drell im Lokalkompass. Die Abrisspläne wären ohnehin ein Rückschritt für das ganze Viertel: Wer will denn schon an eine achtspurige innerstädtische Pseudoautobahn, auf der sich die lokale Tuning-Szene bald jede Nacht illegale Rennen liefert, "angebunden" werden?!

Es bleibt jedenfalls spannend:

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Und wir bleiben dran: RS1-Fanpage auf Facebook.

Facebook-Abstinenzler finden neue Informationen auch auf VeloCityRuhr.net und bei der WAZ Essen. Ich werde jedenfalls zusehen, euch auch hier auf HFS auf Stand zu halten. Für die Fotos (hier der ganze Stapel) ist wie immer Olaf zuständig:

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Zuletzt geändert von VeloC am 06.03.2017, 18:36, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon UweK » 02.02.2017, 20:18

sehr lesenswerter Bericht VeloC, danke dafür
1. Vorsitzender HFS - Helmuts-Fahrrad-Seiten e.V.
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 03.02.2017, 20:31

Danke Uwe! Und jetzt weiter wie versprochen:

Nachdem am Mittwoch die von der Öffentlichkeit als das größte Problem wahrgenommene UVP durch die Landesregierung im Handstreich vom Tisch gekickt worden war, sollte es am gestrigen Donnerstag nun um die Dinge gehen, die uns als "Radlobbyisten" die meisten Sorgen bereiten: die Planungsstudien der Verwaltung für das Eltingviertel, die bislang einen Abriss des für den RS1 vorgesehenen Bahndamms selbstverständlich vorsahen und nicht einmal den Ratspolitikern zugänglich gemacht wurden. Die Stadt Essen hatte angekündigt, aktuelle Pläne im Ausschuss für Stadtplanung erstmals öffentlich zu präsentieren. Um 15:00 tagte der ASP irgendwo hoch oben im Essener Rathaus.

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Eine halbe Stunde vorher trafen wir uns vor den heiligen Hallen zur Mahnwache. Allzu spektakulär war unser Auflauf wegen der frühen Uhrzeit mitten in der Woche nicht, aber das große Transparent, das Samstag an der Brücke über die Altenessener Straße hing, machte immerhin Eindruck.

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Karo fühlte sich morgens zu krank, um zur Uni zu fahren, raffte sich aber nachmittags tapfer auf, uns zu unterstützen.

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Ihre Versuche, Handzettel mit unseren Forderungen unters Volk zu bringen, waren mäßig erfolgreich, denn die am stärksten von den Planungen betroffenen Berufspendler waren entweder auf der Arbeit unabkömmlich oder ohnehin schon Teil der Protestgruppe. Zudem liegt das Essener Rathaus praktisch im Hinterhof der Einkaufszone mit entsprechend geringer Passantenfrequenz.

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Frank und ein paar weitere ADFCler postierten sich mit den Flyern direkt vor dem Sitzungssaal und wurden immerhin ein paar Exemplare los. Vielfach ernteten sie von den Abstimmungsbefugten aber nur genervtes Augenrollen. Hey, uns macht das auch keinen Spaß, zum Nervensägen gezwungen zu werden! Die Einhaltung der simpelsten Regeln von Demokratie und Fairness von Seiten der Stadt hätte den ganzen Aufstand überflüssig gemacht, und wir hätten die gesparte Zeit z.B. für schöne Radtouren nutzen können. :Schimpfen:

Übrigens lohnt sich derzeit ein Blick in die östlichen Nachbarstädte: So geht kluge Stadtentwicklung!

Die Ergebnisse der gestrigen Präsentation wurden noch am selben Abend veröffentlicht. Bin jetzt zu alle, um die zu kommentieren, aber hier schon mal zur Info:

WAZ-Bericht

Pressemitteilung der Stadt Essen mit Plänen

Fortsetzung folgt…
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 26.02.2017, 21:12

Vier Wochen nach der Demonstration ist bereits eine Menge in Bewegung gekommen: Die Rodungsarbeiten auf den beiden östlichen Abschnitten sind pünktlich vor Beginn der Brutschutzzeit abgeschlossen worden. Dem Baubeginn auf Abschnitt 3 steht nun nichts mehr im Weg. Auf Abschnitt 2 muss das Land der Deutschen Bahn noch ein paar Quadratmeter Grundfläche abkaufen; außerdem laufen derzeit noch Verhandlungen mit Evonik über die künftige Führung ihrer Rangiergleise, damit sich Rad- und Bahnverkehr möglichst nicht in die Quere kommen. Hier sind alle Beteiligten jetzt an schnellen Lösungen interessiert.

Auch am Eltingviertel könnte es nun vorangehen. Bis April will sich die Stadt für eine der sechs oben verlinkten Varianten entschieden haben, und dann soll die konkrete Planung zügig begonnen werden. Der komplette Abriss des Bahndamms ist definitiv vom Tisch, allerdings geistert noch der Gedanke umher, an der Altenessener Straße als repräsentatives Eingangstor zum Eltingviertel auf jegliche Sichtbehinderung durch Brücken zu verzichten. Das würde für den RS1 bedeuten: Rampe runter, Straße queren, Rampe hoch. An die für diesen Fall versprochene Sperrung für den Kfz-Verkehr in dem Bereich sollte man besser nicht glauben.

Es muss nur ein Anwohner (oder schlimmer: die dort residierende nicht ganz kleine Firma RWE) eine Schnute ziehen, schon ist der Autoverkehr wieder zugelassen. Gegen den Ersatz der aktuell vorhandenen massiven überbreiten Brücke durch eine "filigrane", aber mindestens 8 m breite Konstruktion für Radfahrer und Fußgänger hätten wir gar nichts, wenn die Stadt Essen das Geld dafür locker machen möchte. Das müsste aber dann prompt geschehen, und bevor das geklärt ist, darf es keinen Komplettabriss der alten geben. An jahrelanges Hingehaltenwerden sind wir leider zu gut gewöhnt, da ist jeglicher Vertrauensvorschuss aufgebraucht!

Auch die Y-Brücke über die Gladbecker Straße sollte nicht weiter als Schwarzer Peter zwischen Straßen.NRW und der Stadt Essen hin und her geschoben werden dürfen. Die Stadt braucht nur festzulegen, wie der Anschluss am östlichen Bahndamm aussehen soll, dann kann die Planung sofort starten. Diese Aussage braucht nicht bis April zurückgehalten zu werden, denn der grundlegende Verlauf direkt an der Gladbecker Straße ist schon klar, unabhängig von der Detailplanung über die Bebauung im weiteren Verlauf des Bahndamms.

Am Dienstag, den 28. Februar, laden die Essener Grünen zu einer Infoveranstaltung zu dem Thema ein. Wir können leider nicht dabei sein, sind aber schon sehr gespannt, was die Teilnehmer anschließend zu berichten haben. Auf der noch sehr jungen Seite des NRW-Verkehrsministeriums zum RS1 ist auf der Übersichtskarte jedenfalls schon der komplette Abschnitt als "im Bau/Vorbereitung" markiert, das lässt hoffen!

Gute Nachrichten gibt es übrigens auch vom entgegengesetzten aktuellen Ausbauende: Die Sanierung der Ruhrbrücke ist endlich ausgeschrieben. Auf Bild 16 dieser Fotoserie kann man den aktuellen Zustand der mit ihren 150 Jahren immer noch schönen alten Dame sehen. Noch weiter hinten sind ein paar Fotos von Demo und Mahnwache, u.a. mit Karo und mir.

Wer Lust auf einen ausführlicheren Eindruck von der Modellstrecke auf Mülheimer Gebiet hat, dem sei das Video von Bikingtom ans Herz gelegt. Schöne GoPro-Fahrt von Mülheim bis in den Essener Westen!
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 12.03.2017, 17:58

Hier noch nachgereicht die Zusammenfassung der Veranstaltung zum RS1, zu der die Grünen eingeladen hatten. Vorsichtiger Optimismus ist jetzt wieder angebracht. Wir werden aber weiterhin ein waches Auge auf die Fortschritte und mögliche erneute gezielte Behinderungen haben!
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 07.04.2017, 08:52

Das war's mit dem vorsichtigen Optimismus:

Radschnellweg RS1 soll über Dächer und durch Häuser führen

Irre Hirngespinste, die kein Mensch bezahlen kann und will, die das Projekt zunächst auf Jahre hinaus verzögern würden und am Ende ein stilles und leises Begräbnis zur Folge hätten.

SPD-Mann Best scheint vergessen zu haben, dass die NRW-Wahl immer noch in der Zukunft, und zwar jetzt sehr nah voraus liegt. Sein Parteifreund "Mike" Groschek, unser NRW-Verkehrsminister, wird über diesen Querschuss eher weniger amüsiert sein. Die Veröffentlichung direkt vor den Osterferien war natürlich ein kluger Schachzug der Essener. Ich fürchte nur, sie haben sich trotzdem verrechnet, was die Reaktion angeht!

:Keule:
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Re: 5 vor 12 - Demo gegen RS1-Baustopp (Ber.+Bilder)

Beitragvon VeloC » 26.05.2017, 18:13

Das langzeitig bleibende Ausbauende des RS1: :mad:

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In den letzten Wochen haben sich die Negativmeldungen zum RS1-Weiterbau nach Osten förmlich überschlagen, so dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, die Berichterstattung hier auf Stand zu halten. Der noch amtierende SPD-Verkehrsminister hat entgegen unserer Hoffnung auf jegliche Intervention verzichtet, und nach der krachenden Niederlage seiner Partei bei der Landtagswahl hat er nun ohnehin nichts mehr zu melden. Einen neuen Verkehrsminister gibt es noch lange nicht, so dass vom Land derzeit schlicht gar nichts zu erwarten ist.

Die GroKo im Essener Rat, angeführt von ihren langjährigen mächtigen Fraktionschefs, hat freie Hand für ihr Zerstörungswerk. Selbst der Oberbürgermeister als offizieller 1. Mann der Stadt scheint von ihnen vielfach hilflos am Nasenring vorgeführt zu werden. Simon Knur hat bereits Anfang Mai auf VeloCityRuhr das Desaster übersichtlich zusammengefasst.

Am 03. Mai veranstaltete der ADFC Essen unter der Leitung von Uli Pabst eine weitere Info-Radtour zur Intercity-Route, der von der Stadt so stark propagierten angeblichen "Alternativroute". Nachdem Olaf und ich im Anschluss an die Kundgebung im Januar nur den ersten Teil der Strecke besichtigt haben, gebe ich mir nun bei Regenwetter die ganze Tour. Ein paar Fotoimpressionen gibt es hier.

Ein Mix aus stark befahrenen Hauptstraßen, die jeweils in mehreren Ampelphasen stückweise gequert werden müssen, Bürgersteig-Schieben, Fake-Radwege und schließlich auf schmalen und teils extrem steilen Wanderwegen die Überquerung der Halde, die den gesamten Aushub der Essener U-Bahn in sich beherbergt. Zum Trost gibt es oben einen Aussichtspunkt, von dem aus man auf die berühmte Zeche Zollverein schauen kann. Immerhin wurde auf der östlichen Seite die steilste Stelle durch eine schmale gepflasterte Serpentine ein bisschen entschärft. Wenn diese "Umleitung" Schule macht, dürfen sich Autofahrer jedenfalls schon mal darauf freuen, in Zukunft bei Bauarbeiten z.B. auf der A7 über ungeteerte Feldwege nebst eigenhändig zu öffnender Gatter geführt zu werden!

Noch vor der Landtagswahl hatte der ADFC Essen einen offenen Brief an die Essener Kreisverbände von SPD und CDU geschrieben mit einem Haufen Fragen, die sich aus den im Planungsausschuss gestellten Anträgen zwangsläufig aufdrängen. Bis heute steht die Antwort aus…

Mittlerweile hat sich auch die Standortgemeinschaft City-Nord als Interessenvertretung der Bürger und Gewerbetreibenden des Eltingviertels in die Diskussion eingeschaltet. Auch sie warnen eindringlich vor einem Totalabriss des Bahndamms und einer Zupflasterung der Fläche mit Hochhäusern. Die GroKo ficht das nicht an, stattdessen brachten sie zuletzt eine zusätzliche Variante mit komplett ebenerdiger Führung des RS1 im Planungsausschuss ein, was allein schon geometrisch überhaupt nicht möglich ist, zu viel Höhendifferenz auf zu kurzer Strecke. Aber Hauptsache, Bahndamm weg und Geld einstreichen!

Würde mich freuen, demnächst mal wieder Positives von der Radschnellwege-Front vermelden zu können, aber dafür stehen derzeit die Chancen in Hamburg wohl besser. Ich halte euch die Daumen, dass das bei euch weniger dilettantisch gehandhabt wird und zügig umgesetzt. NRW scheint um eine Blamage ja förmlich zu betteln!
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