BRM 1000 Borders of Belgium (BoB) '14 (Bericht + Bilder)

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Speedmanager
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BRM 1000 Borders of Belgium (BoB) '14 (Bericht + Bilder)

Beitragvon Speedmanager » 08.09.2014, 22:14

Nach HBK hatte ich ja eigentlich beschlossen, BoB mit dem Rennrad zu fahren. Nachdem ich mich allerdings intensiv mit dem Track beschäftigt und dabei festgestellt hatte, dass es richtig lange, gerade Strecken entlang von Kanälen und einige RAVeL gab, habe ich mich dann doch für den Baron entschieden. Ich habe mir auch noch kurzfristig eine DualDrive-Nabe eingespeicht, um für die bergigen Streckenteile eine genügend kurze Übersetzung zur Verfügung zu haben. Andererseits habe ich auch immer ein etwas mulmiges Gefühl, wenn ich mit ungetestetem Material solch eine Strecke in Angriff nehme.

Die Nacht vor dem Brevet hatte ich in einer Pension nahe dem Startort verbracht und nach einem ausgiebigen Frühstück fuhr ich dann zum Schwimmbad des Freizeitgebiets Peyenbrock. Den Baron schnell zusammenstecken (um ihn auf den Fahrradträger zu befestigen, muss ich Räder und Sitz demontieren), registrieren und zusammen mit vielen netten Leuten auf den Start warten.

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Gaby und Hajo wollten diesen Brevet mit ihren Velomobilen bestreiten, trotz der vielen Fahrradwege, Innenstadtrouten und Bergstrecken.

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Die erste Etappe führte über verwinkelte Wirtschaftswege entlang der niederländischen Grenze zur Nordsee und dann an der Küste entlang. Schön flach, also wollte ich hier schon ein kleines Zeitpolster für die zu erwartenden Zeitverluste in den Ardennen schaffen. Ging aber nicht wirklich - obwohl noch ohne Kopfsteinpflaster waren die Nebenstrassen nicht zum Heizen geeignet und die Küstenpromenaden waren während des Tages noch zu bevölkert. Einmal war die Strecke auch gesperrt - wegen eines Radrennens. ;)

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Jedenfalls erreichte ich den Lidl in DePanne noch so gerade vor Ladenschluss und konnte mich so für die nächste, 300 km lange Etappe in die Nacht eindecken. :) Die eigentliche Kontrolle in DePanne, eine Pizzeria, war ziemlich voll. Keine Ahnung, warum. An der überragenden Freundlichkeit des Personals kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Mein Dialog mit der Bedienung noch vor dem Lokal:
"Wir machen eine Fahrradrundfahrt und ich hätte gerne einen Stempel für mein Kontrollheftchen."
"Den gibt es nur, wenn sie auch etwas konsumieren."
"Ich hätte sowieso gerne einen Kaffee."
"Aber nur hier draussen; drinnen ist nur für Gäste, die auch etwas essen."
"Soll ich denn mit hereinkommen und mein Heftchen schon mal stempeln lassen?"
"Nein, den bringt mein Kollege mit heraus"
Sprachs und liess mich auf ihren Kollegen warten.

Nach Kaffee und Stempel brach ich dann auf die lange Nachtetappe auf. In den ländlichen Gebieten war die Stromernte (Mais ;)) in vollem Gange. Die Strassen wurden auch nicht besser, waren aber - wie ich später feststellen sollte - noch gut. ;) Immer wieder bemerkenswert ist es jedoch, dass auch die Landstrassen unterster Ordnung in den abgelegensten Winkeln immer beleuchtet sind.

Derweil beunruhigten mich immer wieder ein kurzes Quietschen, als ob der Reifen am Rahmen schliff. Also hielt ich an einer Strassenlampe und untersuchte erst einmal das Hinterrad. Es war aber keine Speiche gebrochen, die Lager liefen frei, keine Taschen schliffen am Hinterrad - es war einfach nichts festzustellen. Also weiter. Quietschte zwar ab und zu, aber ok - Augen zu und durch.

Hinter Ieper führte uns der Track dann zum Canadian Hill 62, einem weiteren Kriegsdenkmal (die Tour war als "Poppy Edition" deklariert, also eine Erinnerung an den Ausbruch des ersten Weltkrieges). Hier war allerdings Sackgasse. Ohne den genauen Track hätte ich den Trampelpfad, auf dem es weiterging, wohl gar nicht gefunden. Ich musste erstmals an Hajo und Gaby denken, die hier mit ihren Velomobilen durchmussten. Aber da sollte es noch bessere Stellen geben - wusste ich nur noch nicht. ;)

Kurz danach ging es über die französische Grenze, recht einfach an der plötzlichen Verbesserung des Strassenzustandes festzustellen. Hell erleuchtete Tabaks baten mich darum, doch meine Vorräte wieder aufzufüllen, aber ich meinte, noch nicht genug verbraucht zu haben. Es ging durch Randgebiete Tourcoings und mitten durch Roubaix. Die Anzeigen an den Geschäften zeigten Uhrzeiten um Mitternacht und Temperaturen von 20° und mehr an. Und das im September. :D

Jedenfalls hatte ich die urbanen Gegenden wieder verlassen und die Grenze nach Belgien wieder überquert (ganz einfach am Strassenzustand festzustellen), ohne meine einzige leere Trinkflasche wieder aufgefüllt zu haben. Ich machte mir gerade noch darüber Gedanken, ob das wirklich clever war (obwohl ich eigentlich für die Nacht genug dabei hatte), als in Pesq vor dem "Chez Charlie" noch vier Gäste rauchend vor der Kneipe standen. Ich also rein und gefragt, ob ich meine Flasche wieder auffüllen darf. Der Wirt (Charlie?) nahm mir die Flasche ab und liess sie über den Zapfhahn volllaufen (war aber wirklich nur Wasser), bot mir auch noch einen Schnaps an. Wo ich denn noch hinwollte? 1.000 km? Rund um Belgien herum? Um dieses Zeit? :D

Gegen Morgen geht es dann am Lac de l'Eau d'Heure entlang, nachdem ich in der Nacht noch auf ein richtig wüstes Stück Kopfsteinpflaster gestossen bin (das meinen Glauben daran, die schlimmsten Kopfsteinpflaster in Brandenburg zu finden, nachhaltig erschüttert hat). Richtig schön hier - und so früh am Morgen noch keine Touristen. ;)

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Kurze Zeit später geht es in Mariembourg auf einen Streckenteil, auf den ich besonders gespannt war - mein erster RAVeL, der Radweg auf der stillgelegten Zuglinie 156. Hier läuft es auch mal wieder richtig schön, flach, guter Belag, so macht Radfahrn richtig Laune. :)

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Im Maastal muss ich den RAVeL leider wieder verlassen und beim Aufstieg auf der gegenüberliegenden Talseite schiebe ich erstmals ein längeres Stück. Zwar passt die Übersetzung, so dass ich ohne Knieschmerzen treten könnte, aber bei ganz langsamen Geschwindigkeiten kann ich einfach nicht mehr geradeaus fahren - und bevor ich bei dem Zick-Zack in den Gegenverkehr gerate ... Zu Mittag erreiche ich dann endlich die zweite Kontrolle. Aber die Buchhandlung in Houyet macht Mittagspause und so beantworte ich die Kontrollfrage und fahre weiter. Obwohl ich bei dem spätsommerlichen Wetter ein Eis gut hätte gebrauchen können.

Die nächste Etappe nach Habay fällt mir enorm schwer. Es ist fürchterlich mühsam, die Berge mit der kurzen Übersetzung nach oben zu kurbeln, nur um die so akkumulierte Energie bei der folgenden Abfahrt wegen der schlechten Strassen hauptsächlich in Bremswärme umzuwandeln. Der Einbruch der Dunkelheit macht es nicht einfacher - im Gegenteil. Aber in Habay ist Bagdrop. Duschen, neue Klamotten, etwas Warmes zu essen. Ausserdem lege ich mich eine halbe Stunde auf ein paar zusammen gestellten Stühlen. Als ich kurz vor Mitternacht wieder aufbreche, macht Veranstalter Ronny mir noch mal richtig Mut: "Die nächsten 50 km werden noch mal richtig steil. Aber bei Bastogne kommt dann wieder ein schöner RAVeL."

Danke Ronny, die Aussicht auf ein paar steile Teilstücke war genau das, was mir noch fehlte. ;) Tatsächlich hatte ich wegen des schnurgeraden Streckenverlaufes auf einen weiteren RAVeL direkt hinter Habay gehofft, aber dieser Teil entpuppte sich als ganz tolle Berg- und Talbahn. Nach all den Stunden auf dem Baron waren meine Talente zum Langsamfahren leider nicht besser geworden, und um nicht ein ums andere Mal auf das Bankett abzudriften, musste ich doch manches Stück schieben. :( Ich merkte aber, dass geradeaus fahren mir etwas leichter fiel, sobald mein Kopf ein wenig angehoben wurde. Also baute ich mir aus ein paar Pappstücken und einer leeren Getränkedose eine Erweiterung meiner Kopfstütze. Half zwar etwas, eine Sitzverstellung wäre aber schöner gewesen. Habe ich zu Hause eben wieder etwas zu basteln.

Endlich erreiche ich Bastogne, wieder ein schönes, langes Stück auf dem RAVeL. Einfach zu schön und so kann ich die dunkelsten Nachtstunden sogar richtig geniessen. Durch diesen langen, geraden und (mitten in der Nacht) dunklen Tunnel zu fahren, hat nach all dem Bergauf und -ab auch etwas Schönes. :)

Aber auch dieses Stück geht wieder zu Ende und es wird schlagartig wieder hügelig. Aber es wird Morgen, ich erreiche St. Vith und es gibt erst einmal Frühstück. Ich werde danach zwar nicht schneller, aber die Moral steigt wieder ein wenig. Die vierte Kontrolle in Krewinkel besteht nur aus der Beantwortung einer Frage. Ich stelle allerdings fest, dass ich nur noch drei Stunden vor dem theoretischen Ende der Kontrollstelle liege. Juckt hier zwar niemanden (Zielschluss gibt es nur im Ziel), aber irgendwie bin ich ungewöhnlich knapp dran. Und das ohne längere Schlafpausen. :( Bis Monschau mache ich allerdings wieder eine Stunde auf dieses theoretische Zeitlimit gut und es gibt erst einmal einen weiteren Kaffee. :)

Die nächsten Kilometer lassen sich wieder recht flüssig fahren, ich kann doch ziemlich oft genug Schwung für den Gegenanstieg mitnehmen, aber entlang der Limburger Grenze werden die Anstiege wieder fieser und ich muss doch wieder einige Stücke schieben. Aber dann erreiche ich Visé. Es stehen knapp 800 km auf der Uhr. Und genau hier, wo auf dem Rennrad, das ich seit Roubaix so schmerzlich vermisst habe, meine Leiden anfangen würden, sind sie mit dem Baron vorbei. Es geht am Albertkanal entlang. Platt, geradeaus. Ich kann sogar wieder so etwas ähnliches wie schnell fahren.

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An der Kontrolle in Opitter gibt es noch einen Kaffee und ein Eis und der Sprint zum nächsten Bagdrop in Lommel ist recht schnell bewältigt. :) Dort gibt es wieder warmes Essen, frische Klamotten und um Antwerpen in tiefster Nacht zu erreichen (um dem Verkehr aus dem Weg zu gehen) lege ich mich noch einmal für eineinhalb Stunden aufs Ohr. Danach geht es weiter an Kanälen entlang. Lässt sich auch in dunkelster Nacht schön fahren. Die Kontrolle in Turnhout erreiche ich gegen halb zwei. Der Laden hat natürlich um diese Zeit geschlossen und so beantworte ich die alternative Frage. Dann weiter nach Antwerpen. Als Großstadt triff man dort natürlich auch zu tiefster Nachtzeit noch auf viel Leben, allerdings pulsiert es nicht so schnell und ich kann mich letztendlich zum Kennedytunnel durchkämpfen.

Die Aufzüge auf beiden Seiten der Schelde funktionieren und es geht wieder flott aus Antwerpen hinaus. Der anschliessende Radweg entlang der Autobahn(!) lässt sich flüssig fahren, allerdings wird der Nebel immer dichter. Als es dann auf einer Landstrasse unterster Ordnung (nur um daran zu erinnern, dass wir immer noch in Belgien sind) weitergeht, kann ich die Strasse fast nicht mehr erkennen. Wenn ich aufrecht sitze, ist es allerdings etwas besser. Also lege ich mir das Säckchen mit der Luftpumpe hinters Kreuz. Drückt zwar etwas, aber was will man machen?

Auf den letzten Kilometern gibt es noch so etwas Ähnliches wie einen RAVeL für Arme, der lässt sich aber nicht so schön fahren, hat zu enge Drängelgitter und Absätze, und ein paar ganz kurze Kopfsteinpflasterstücke. Aber der Brevet ist geschafft! Am Ziel ist jedoch niemand zu finden. Ein vor mir eingetroffener Sportsfreund hatte einen Zettel am Tor gesehen und so begeben wir uns zur "Nachtkontrolle". Es ist nicht so wirklich klar, wo diese denn genau ist. Also lehne ich den Baron so an einen Baum, dass er nicht umkippt, wenn der Mensch in der Sitzschale einschläft und mache die Augen zu. Der Sportsfreund weckt mich kurze Zeit später, ich fahre zu Ronny und gebe mein Brevetkärtchen ab. :)

Dann zum Auto, Dose Bier :) und kurz zu Bett. Nach dem Augenaufschlagen in die Cafeteria des Schwimmbades, frühstücken und das Eintreffen weiterer Randonneure abwarten. Besonders hat mich gefreut, als Gaby eingetroffen ist. Sie hat sich mit ihrem Velomobil tatsächlich durch alle Widrigkeiten gekämpft, war einmal umgekippt, musste den Schaden am Scheinwerfer noch reparieren (lassen), hat aber nie aufgegeben.

Will ich diesen Brevet noch einmal fahren? Ja - unbedingt. Allerdings eher mit dem Rennrad. Auch wenn mir das auf dem letzten Teilstück schwerer fallen könnte. Und allen Freunden brandenburgischer Kopfsteinpflaster sei er ohnehin empfohlen. ;)
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Janibal
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Beitragvon Janibal » 11.09.2014, 12:46

Das hört sich doch nach schönem Radurlaub an. Einfach nur fahren und ab und zu geweckt werden, abseits der Straßen.

Rund um Belgien mit B wie Bier.
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