1. Paris-Roubaix-Challenge 11 (Bericht + Bilder)

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Ulrike
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1. Paris-Roubaix-Challenge 11 (Bericht + Bilder)

Beitragvon Ulrike » 15.04.2011, 09:31

<img src="http://wp.seniorensport-extrem.de/pic/p ... -challenge 1.jpg" alt="" width="800">
Die 1. Paris-Roubaix-Challenge entpuppte sich als Überraschungsparty. Die Ausrichterin A.S.O. (Amaury Sport Organisation) kann auch anders. Nicht nur hochprofessionelles Veranstaltungsmanagement wie die Tour de France und Rallye Dakar gehört zu ihrem Programm, sondern auch ein bemerkenswerter Dilettantismus. :cry:

Angekündigt war die Veranstaltung als Erstausgabe eines Jedermannrennens auf einem Teil der Profistrecke mit Einfahrt in das Velodrom. Die Teilnahme an einer solchen Premiere erschien Konkursus und mir sehr reizvoll, sodass wir uns kurzentschlossen anmeldeten. Ca. 2 Wochen vor dem Start, als wir gerade das für Rennen geforderte medizinische Attest besorgt hatten, hieß es, Straßensperren und die Einfahrt in's Velodrom seien nicht möglich. Die Veranstaltung wird jetzt als RTF gefahren und wer das nicht will, bekommt das Startgeld zurück. Soweit so gut, hätte es nicht den kleinen Haken gegeben, dass wir wegen der langen Anreise um die Challenge herum einen kleinen Sporturlaub gebaut hatten incl. Paris-Marathon für lockere 103 € Startgeld pro Person.

Also rüsteten wir unsere alten Ersträder aus der Grabbelkiste mit doppeltem Lenkerband und 25er Reifen auf und fuhren gen Süden. Startort war Saint Quentin in der Picardie, eine reizlose Stadt, die man freiwillig gewiss nicht bereisen würde. Im örtlichen Sportzentrum mussten die Startunterlagen abgeholt werden.

<img src="http://wp.seniorensport-extrem.de/pic/p ... -challenge 2.jpg" alt="">
Nach mehrmaliger Ausweiskontrolle, was für eine RTF nicht gerade typisch ist, gab es Nummern für Trikot und Rad, eine Umhängetasche, ein T-Shirt und diverse Give-Aways der Sponsoren. Einige Teilnehmer schleppten riesige Taschen mit sich herum, hatte die A.S.O. doch vorher damit gedroht, bei Nichtvorzeigen der Pflichtausrüstung wie Helm, 4 Ersatzschläuchen etc. die Abgabe der Startnummern zu verweigern. Tolle Logik! Normale Veranstalter, die nicht A.S.O. heißen, kontrollieren sowas beim Zugang zum Startbereich. Naja, die Kontrolle gab es dann "weder noch", sodass wir uns für nichts mit den ganzen Schläuchen abschleppten. Auf dem Event-Gelände gab es dann auch noch eine Mini-Messe, die nur für einen Frustkauf in Form der - zugegebenermaßen eleganten -Veranstaltungstrikots gut war.

Am nächsten Morgen mussten die Teilnehmer sich in abgegitterten Startblöcken aufstellen, die z.T. recht leer waren. Freude bereitete uns dagegen das Besenfahrzeug in Form eines Elektrorollstuhls, bedingt durch das RTF-Tempolimit von 15 km/h. Streckensprecher hielten anfeuernde Reden, von denen wir leider nichts verstanden. Angesichts der sehr frischen Temperaturen waren wir froh, als unser Startblock endlich dran war. Schon bald gab es wieder Anlass für heftiges Kopfschütteln. Zusätzlich zur hervorragenden RTF-mäßigen Ausschilderung war die Strecke von wirklich engagierten Streckenposten so gut abgesichert, dass wir ohne Anhalten durchfahren konnten. Viel besser und sicherer als bei Trondheim-Oslo und Milano-San Remo, beides Veranstaltungen mit Zeitnahme. Wieso hat die A.S.O. das nicht genauso gemacht ??? Fragen über Fragen. :Weissnicht:

Die ersten Teilstrecke führte durch eine Hügellandschaft, die durch endlose Landwirtschaftsflächen geprägt war. Durch den weit auseinandergezogenen Start und die verhältnismäßig kleinen Startblöcke kamen zumindest in unserem Mittelfeld keine größeren Gruppen zustande, sodass wir meist alleine fuhren. Bei km 50,5 fand die leichte Langeweile ein jähes Ende. Der erste Pavé von 1.700 m tauchte plötzlich vor uns auf und dann ging das große Rütteln los. Die Augen wackelten im Kopf, sodass wir kaum etwas sehen konnten und es war nur noch die Frage, was zuerst in 1000 Teile zerbrach, die Knochen oder die Räder. Ausgeschlossen, davon noch ca. 26 km zu überleben! Sternesehen Glücklicherweise kam nach dem ersten Pavé die erste Verpflegung hervorragend ausgestattet mit reichhaltigem Büffet, Mavic-Service und einem Fluchtfahrzeug für diejenigen, die sich spontan zum Aufgeben entschieden hatten.

Dafür waren wir aber nicht gekommen und so ging es weiter. Von nun an folgten im Wechsel Ausruhstrecken und Pavés von unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit. Beim zweiten Pavé hatten wir uns schon an das Gerüttel gewöhnt und es war sogar möglich, auf den Steinen einen Rythmus zu finden, am besten in der Mitte.

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Schwierig wurde es nur, wenn das Pflaster sich mittendrin änderte. Es gab rotes, graues und schwarzes in verschiedenen Formen. Fast noch lästiger als das Gerüttel war der Wind von vorne, der ständig Staub in die Augen wehte, die nach einiger Zeit heftig brannten. Aber das Schlimmste waren Scharen belgischer Mountainbiker, deren Wochenendbeschäftigung offenbar darin bestand, ohne Rücksicht auf abgekämpfte RR-Fahrer kreuz und quer über die Pavés zu heizen, als ob das was Besonderes ist. Ab und zu kamen uns auch Grüppchen von trainierenden Profis mit Materialwagen entgegen, die mit "Allez, allez" den Weg freischrien. Es war schon beeindruckend auf diese Weise aus nächster Nähe mitzuerleben, mit welchem Tempo die Jungs über das Pflaster flogen. Dafür fuhren wir gerne an die Seite. :Respekt:

Unsere Räder hielten die Strapazen wider Erwarten gut aus. Als einzigen Verlust mussten wir eine verlorene Schraube von einem Flaschenhalter beklagen, die der Mavic-Service bei der zweiten Verpflegung ersetzte. Dessen Austausch-Laufräder brauchten wir zum Glück nicht.

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10 km vor Schluss hatte ich schließlich den lang erwarteten Platten, allerdings nicht auf einem Pavé, sondern auf einem schmutzigen Schotterstück. Mit dem schwach aufgepumpten Ersatzschlauch hielt ich mich dann möglichst auf dem Seitenstreifen, um ein Durchschlagen auf den Steinkanten zu verhindern. Am Rand zu fahren war erstaunlicherweise viel anstrengender, weil jede Sekunde mit tiefen Schlaglöchern und hochkant stehenden Steinen zu rechnen war. Schließlich erreichten wir den legendären Carrefour de l'Arbre. Im Umfeld waren schon endlose Schlangen von Wohnmobilen aufgestellt von denjenigen, die sich für das Profirennen am Folgetag einen Logenplatz sichern wollten.

Am Ende des Carrefour de l'Arbre war nach 138,1 km ein Zielbogen aufgestellt. Wir fuhren durch und .... kein Applaus, kein Tusch, kein Garnichts ... vollkommen unspektakulär wurden wir auf die Beschilderung zum Sportgelände im nächsten Ort ca. 4 km weiter verwiesen. Inzwischen gedanklich schon auf dem Rückweg wurden wir dort plötzlich namentlich aufgerufen, erhielten eine Finishermedaille und sollten uns für ein Erinnerungsphoto mit dem Rad in ein Gartenzelt stellen. Das war nun aber doch zu dämlich. Wenn es schon Medaillen und einen Photodienst gibt, wieso nicht beim Zielbogen, als würdiger Abschluss auf historischem Boden, um als Teil einer Legende verewigt zu werden ??? Wieder Fragen über Fragen! :Weissnicht: Auf das Gartenzeltphoto haben wir dankend verzichtet. Das können wir auch zuhause haben.

Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass uns die härteste Prüfung des Tages noch bevorstand, sonst hätten wir sicherlich zu dem angebotenen Wein gegriffen, um uns etwas zu benebeln. Was uns so zusetzte, war die Rückfahrt nach Saint Quentin mit dem nicht klimatisierten Shuttle-Bus. Es war inzwischen sommerlich warm geworden und etliche der Teilnehmer waren so fertig bzw. so spät angekommen, dass es für ein Umziehen nicht mehr reichte. Nicht einmal Fenster konnte man öffnen. Dafür hatte die A.S.O ein interessantes Radtransport-System präsentiert. Die Räder wurden einfach durch große Pappscheiben getrennt in einen LKW gestopft. Das hielt prima und das Be- und Entladen ging extrem schnell.

<img src="http://wp.seniorensport-extrem.de/pic/p ... -challenge 6.jpg" alt="" >

Wir waren froh, als wir endlich wieder in unserem Auto saßen und Richtung Paris fuhren, um uns am nächsten Tag einem weiteren A.S.O.-Abenteuer auszusetzen in Form des Paris-Marathons, wo Konkursus dank der einmaligen Profi-Organisation sein letztes Hemd verlor. Aber darüber wird er selbst berichten.

Fazit:
Es ist unverständlich, dass die A.S.O. das Potential der Veranstaltung und den eingesetzten materiellen und personellen Aufwand nicht für eine "Zeitnahme-RTF" genutzt und stattdessen hunderte von Absagen provoziert hat. So war das ganze weder Fisch noch Fleisch. Es wäre auch schön gewesen, eine Finisherliste in der Hand zu haben, um nachzuvollziehen, wie sich das Teilnehmerfeld bezüglich Nationalität und Geschwindigkeit zusammensetzte. Viele waren von weither gekommen, u.a. aus Dänemark und sogar den USA. Wenigstens hat die A.S.O. selbst gemerkt, dass ein großer Optimierungsbedarf besteht und schon einen langen Feedback-Fragebogen übermittelt. Wir werden auf jeden Fall noch einmal wiederkommen, denken aber eher an die RTF des Veloclub Roubaix, die alle geraden Jahre auf der vollständigen Profistrecke stattfindet incl. Velodrom. Das ist dann wenigstens eine runde Sache mit Hand und Fuß und man muss nicht in dem schrecklichen Saint Quentin übernachten. An den Franzosen an sich gibt's nichts zu meckern. Sie waren allesamt freundlich, hilfsbereit und mit uns radebrechenden Ausländern sehr geduldig. Und der französische Käse, den es auch bei der dritten Verpflegung gab, ist superlecker.


Ulrike :wink:
Zuletzt geändert von Ulrike am 15.04.2011, 20:39, insgesamt 2-mal geändert.
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Janibal
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frähnkreich

Beitragvon Janibal » 15.04.2011, 15:08

Wenn ich mir obiges durchlese, nouveau again, eingenommen von der sanften Ausdrucksweise der la littératurin, entwickelé ich un amour de pavés. Die pavés représentent du als Trostpflaster-Steine, ganz bescheiden verzichtet ihr auf Verewigung im ferméegartenpavillon, dafür bekommt der verzauberte Leser noch ein délicieux gourmet Probe. Liebe Úllrikè de alchimiste, du kannst aus ASO un merveilleuse organisation machen.

um als Teil einer Legende verewigt zu werden
Als Legende hast du dich eben mal wieder verewigt...
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