Sardinien mit nordeutschem Wetter

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Ü40-Cyclist
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Sardinien mit nordeutschem Wetter

Beitragvon Ü40-Cyclist » 11.05.2018, 20:42

Nachdem der Herbst und Winter sehr lang, kalt und nass waren, entschieden Stefan und ich ein Radurlaub in südlichen Regionen zu machen. Letztendlich fiel die Wahl auf Sardinien.
Ende April ging es los - in das bis dahin sonnige Italien. Bei der Ankunft noch von wärmenden Sonnenstrahlen begrüßt, sollte sich das Wetter bald von der Kehrseite der Medaille präsentieren.
Wir Norddeutschen können ja mit schwierigen Wetterlagen um, aber das hatten wir wirklich nicht verdient und so war das Wetter auch der einzige Wermutstropfen einer ansonsten großartigen Rad Woche.
Am Sonntag angereist, nutzen wir das gute Wetter und rollten entlang der Küste durch kleine Hafendörfer und genossen die wunderschönen Aussichten.
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Schon ab Dienstag war Dauerregen angesagt. Plan B ließ uns dann unsere geplante Königsetappe (aus der eine Kaiseretappe wurde) vorziehen, sodass diese schon am 2. Tag stattfand.
Es ist Montag 9:20 Uhr, Golfo Aranci (Sardinien), sonnig, 20 Grad, das Haar sitzt. Stefan und ich machen uns auf den Weg Richtung Westen. Es geht leicht wellig los und nach ca. 26 km nehmen wir den ersten Anstieg. Knapp 6 km bei mäßiger Steigung. Nichts Wildes und schnell haben wir unseren Rhythmus. Etwas nervig der deutlich spürbare Gegenwind, aber irgendwas ist ja immer. Bei km 45 biegen wir auf eine kleine Straße, die im nirgendwo zu enden scheint.
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Vor uns ein „Bergmassiv“, spätestens jetzt hätte uns klar sein müssen, was kommt. Aber es hat noch ein paar hundert Meter gedauert, bis wir auf das Schild mit 25 Steigungs-Prozenten stießen.
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Lasst Euch nicht täuschen, der Italiener liest Schilder scheinbar anders als wir. Aber auch hier noch voll optimistisch, nahmen wir den ersten Abschnitt. Leider folgte noch ein 2. und ein 3. Schon im 2. musste ich und im 3. dann auch Stefan gemeinsam mit mir schieben.
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Die Bilder geben es leider nicht wieder, aber es war Hammer, selbst das Schieben fiel schwer. Oben angekommen, waren nur noch wir ein paar Steine und ein wunderbarer Ausblick.
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Nachdem wir durchgeatmet hatten, führen wir auf einer kleinen Straße ungefähr 7 km entlang des Höhenzuges, immer auf und ab - einfach nur cool. Es geht durch ein paar klein Orte und wir wollen eine Pause machen, sind aber zu wählerisch, was sich noch rechen sollte. Auf einer großen, aber verkehrsarmen Straße rollen wir zum Wendepunkt, den Wind immer noch stetig von vorn. Wir haben 90 km auf dem Tacho und sind schon 4,5h unterwegs, heul! Die letzte Trinkflasche nur noch 1/3 gefüllt, biegen wir wieder in so eine kleine Straße. Es war vielleicht nicht ganz so steil wie morgens, aber es war lang, es war warm und ich habe gelitten wie das Tier. Ich hatte mal nachgedacht, dass kleine Kettenblatt meiner 3-fach Kurbel unbenutzt zu verkaufen. An diesem Tag hätte ich am liebsten 3 davon gehabt, in der Abstufung - klein - kleiner - noch kleiner. Viel schlimmer aber, die Trinkflaschen waren nun fast ganz leer und kein Mensch weit und breit zu sehen. Nun ging es den Berg wieder hinunter und wir kamen an einen wunderschönen See, leider hatte ich fast keinen Blick mehr dafür. Wieder ging es auf eine kleine Straße, die nördlich um den See führen sollte. Ihr könnt euch sicher denken, dass das so nicht eintrat. Waren die ersten 5 km noch befestigte Straße, folgten nun 2 km Schotterpiste, welche wir sehr langsam und vorsichtig fuhren, um nicht zu stürzen und keinen Platten zu riskieren. Am Ende sollte uns der Weg dann über eine Staumauer auf die andere Seite des Sees führen, doch leider versperrte ein verschlossenes Tor den Weg über die Staumauer.
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Die Stimmung war am Nullpunkt. Es half alles nichts, wir mussten zurück bis an die Hauptstraße. An einem Schotteranstieg passiert es dann doch, Stefan kam zu Fall, hatte zum Glück aber nur kleinere Abschürfungen an der Hand. Zurück an der Hauptstraße warfen wir ein Blick in die Karte, noch 5 km bis in den nächsten Ort. Wir quetschten die letzten Tropfen aus unseren Trinkflaschen und machten uns auf den Weg. Auf der letzten Rille kamen wir an eine kleine Bar und füllten unsere Flaschen und uns selbst mit erquickendem Nass. Die Erfrischung ließ einen Teil unserer Lebensgeister zurückkehren. Wir hatten nun 120 km hinter uns und leider noch ca. 80 km vor uns. Wieder führte unser Weg auf eine kleine Straße, die uns über eine Brücke auf die andere Seite des Sees bringen sollte. Nach circa 3 km ein Schild Sackgasse, welches uns nach unseren heutigen Erfahrungen sichtlich irritierte. Wir fragten einen freundlichen Italiener, ob wir die Straße weiter nutzen können. Dieser erklärte uns mit Händen und Füßen, dass die Brücke zwar offiziell gesperrt sei, man sie mit dem Fahrrad aber queren könnte. Das beste Stück Asphalt des Tages führte uns an die besagte Brücke, welche in einen wirklich maroden Zustand war. Das war uns aber sowas von egal und wir waren froh auf die andere Seite des Sees zu gelangen. Von nun an versuchten wir möglichst große Straßen zu nutzen, um auf kürzestem Wege nach Hause zu kommen. Nach 140 km auf der rechten Seite ein Bahnhof, es wäre ganz einfach gewesen hier in die Bahn zu steigen. Meinen Wink mit dem Zaunpfahl - Sieh mal ein Bahnhof - beantwortet Stefan nur mit einem „Ja schön“ und schon lag die Rettung hinter uns. Etwas weiter nutzen wir eine Hauptstraße, allerdings war diese stark befahren und aufgrund von Baumaßnahmen recht eng. Man musste recht konzentriert fahren, was mir schon schwerfiel, außerdem war es nervig und so fuhren wir wieder auf kleineren Nebenstraßen. Zum Glück ist es nur leicht wellig und wir kommen gut voran. Im Stadtgebiet von Olbia gibt es nochmal leichte Orientierungsprobleme. Letztendlich finden wir aber den Heimweg. Noch 15 km die nicht enden wollen. Ich rolle schon den halben Tag an Stefans Hinterrad, der wirklich bärenstark unterwegs ist. Die letzten Wellen gehen bei mir nur noch im kleinsten Gang, Druck auf dem Pedal nicht mehr spür- und schon gar nicht machbar. Aber irgendwie geht es immer weiter. Letzte Abfahrt dann ist es geschafft. Es ist 19:30 Uhr wir sind wieder am Hotel. Die Koomot Aufzeichnung sagt: 200 km, knapp 8,5 h reine Fahrzeit und 4400 Hm. Ich habe selten so gelitten auf einer Tour, was eventuell an meinem Trainingszustand liegen mag. Nahezu den gesamten April war ich angeschlagen und habe nur wenige Radkilometer sammeln können. So war es dann heute eher Mentaltraining, denn der Kopf hat den Körper geschlagen und diese Eigenschaft werden wir dieses Jahr noch öfter für unsere Vorhaben brauchen. Ein Tag an dem Männerfreundschaften entstehen oder auch zerbrechen können! Zum Glück kennen Stefan und ich uns schon lange und jeder weiß, wann man einfach mal die Klappe halten muss, das hat uns heute sicher vor schlimmeren bewahrt. :Unentschlossen:
Dienstag dann Dauerregen und für uns ein willkommener Ruhetag.
Am Mittwoch eine lockere Runde an die Nord-Ostküste. Es ist super windig und am Morgen war mir noch nicht wirklich nach Radfahren zu Mute.
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Im Laufe des Tages kam der Flow zurück und so wurde es doch eine schöne Tour und der Körper schien sich langsam an die Belastung zu gewöhnen.
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Am Donnerstag dann eine Rollerrunde in die Gegend südlich von Olbia. Relativ flach hatte man wieder dieses Rennradgefühl, locker in die Pedale treten und auf Geschwindigkeit zu kommen. Dieses surrende Abrollgeräusch von sich schnell drehenden Reifen, einfach geil. Irgendwie haben uns die 100 km an diesem Tag aber scheinbar nicht gefordert und so drehten wir zum Abschluss des Tages noch 3 Runden um den „Block“. Darin nochmal ein paar gute Steigungsprozente, die wir als Bergintervall absolvierten und eine super geile Abfahrt, die immer unseren Tagesabschluss bildete.
Am Freitag eine 130 km Runde ins Landesinnere, mit knapp 2400 Hm und 5 h Fahrzeit nichts was man mal so nebenbei macht. Immer wieder regnet es und so gibt es unfreiwillige Pausen.
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Highlight des Tages war sicher eine wirkliche coole Abfahrt, welche aufgrund des Wetters allerdings in den tiefhängenden Wolken startete und durch den nassen Asphalt zusätzlich technisch sehr anspruchsvoll war.
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Am Samstag dann „noch eine Königsetappe“, quer durchs Land an die Westküste und dann entlang der Nordküste zurück zum Startpunkt. Auf den ersten 100 km sammelten wir den Großteil der geplanten Hm, dabei ging es Teils auf Serpentinenstraßen dem Himmel entgegen. Leider regnete es sehr stark zu diesem Zeitpunkt, sodass wir die Auffahrt nur in Teilen genießen konnten. Ein 3 km Abschnitt mit durchgängig über 10% Steigung ließ uns an dieser Stelle ordentlich schwitzen. In der zweiten Tageshälfte wurde es dann endlich trockener. Dafür frischte der Wind merklich auf und ersetzte mit 30-40 km/h Gegenwind die nun flacher werdende Profil. Die Heftigkeit des Windes unterstreicht folgen de Situation. Wir rollten mit ca. 65 Stukies im Windschatten des Berges abwärts, kommen um eine 180 Grad Kehre und werden, wie von einem Fallschirm gebremst, auf 25 km/h entschleunigt. Ein Gefühl als wenn man rückwärts den Berg wieder rauf gedrückt wird. Ab nun ging es mit Kopf zwischen den Schultern auf den Rückweg. Zum Glück führt uns die Streckenführung nach 20 km wieder über kleine Verbindungsweg (ähnlich wie holsteinische Knicklandschaft) etwas geschützter vom Wind Richtung Hotel.
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Die letzten Meter, wir genießen unsere allabendliche Abfahrt und stehen vorm Hotel. 173 km mit 3100 Hm und 7,3 h Fahrzeit sprechen auch an diesem Tag eine Ansage.
Unser Wochenpensum:
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Wir haben fertig!!!
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Wer schöne Landschaften und anspruchsvolles Radfahrterrain mag, dem können wir das nördliche Sardinien nur empfehlen.
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Denn Tacho sollte man am besten zu Hause lassen (führt nur zu Frust). Wer sich ausschließlich auf den Hauptverkehrsadern bewegt, kann sicher auch gut Rollen, wer Nebenstrecken nutzt muss mit unrhythmischen Gelände rechnen, findet allerdings die schöneren Strecken. Und ruhig mal diese „kleinen Straßen“ in die Tourenplanung einbauen. :-)
Positiv angetan waren wir von der Gelassenheit der italienischen Autofahrer. Obwohl wir zum Teil auch auf großen Straßen und im dichten Stadtverkehr unterwegs waren, gab es nie Gehupe oder Gemecker gegen uns – Leben und Leben lassen, war die Devise. Am Berg wurde nur gehupt, um anzuzeigen, dass man überholen will und wir uns nicht erschrecken. Wir haben uns zu jeder Zeit im Verkehr sicher gefühlt. Von dieser Art des Umganges miteinander kann sich der ein oder andere deutsche Autofahrer gern ein Beispiel nehmen.
Wie Eingangs erwähnt, war es trotz des Wetters eine tolle Woche und es gab viele unvergessliche Momente, die unser Radfahrerleben bereichert haben. Wir Grüßen mit einem sonnigen Lächeln.
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Game on! Mario und Stefan ;-)
Jede Minute Zweifel verschenkt 60 Sekunden das Gefühl es zu schaffen.
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Knud
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Re: Sardinien mit nordeutschem Wetter

Beitragvon Knud » 14.05.2018, 21:47

Respekt für solche Touren. Vielen Dank, dass wir "mitfahren" durften.
Und auch bei Sommer in Norddeutschland macht das Appetit!

Knud
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kocmonaut
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Re: Sardinien mit nordeutschem Wetter

Beitragvon kocmonaut » 14.05.2018, 22:24

Absolut cool
Absolut zutreffend
Absolut Glückwunsch

Wir haben einst Sardinien überwiegend mit Wanderstiefeln erkundet, und schon dabei waren die Anstiege mühsam genug! Für zusätzliche Radtouren blieb da weniger Zeit (und Mut). Wer nach Sardinien will (was durchaus lohnenswert ist) muss wissen: die Küste ist gut erschlossen, aber auch belebt. Sobald man nur ins Hinterland spuckt, wird es wild und rauh. Das sardische Bier (ichnusa) nach der Tour ist in der Tat als Aperativ ein guter Durstlöscher. Den kräftigen Schafskäse und die herben Gerichte kann man anschließend mit einem roten "Cannonau di Sardegna" abrunden.Ich bin mir sicher, dass Ihr uns diesen Genuss bewusst verschwiegen habt (smile) ...

Lars

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