Radrennbahn
Hamburg-Stellingen - Probetraining der BSG Haspa
Keine Frage, es
gehört Mut dazu, mit vollem Tempo durch die bis zu über 45 Grad
geneigten Kurven zu fahren. Wenn man langsam fährt, gelangt man
nicht die Steilkurven hinauf. Erst hohes Tempo drückt einen raus
und hoch in die Steilkurve hinein. Langsam hatten wir uns
eingerollt, steigerten uns von Runde zu Runde. Weil
ich noch an einer abklingenden Erkältung rumkurierte, durfte ich
meinen Puls nicht allzu hoch schrauben. Folgerichtig gelang es mir
nicht, mich in den Kurven bis an die blaue, Steherlinie
genannte Markierung raustragen zu lassen. Ganz anders mein
Arbeitskollege Uwe Michalzik (FK-Center Nord-Ost): Der fuhr schon
nach kurzer Zeit weit oben durch die Kurven. Einige Zeit später rauschten
auch meine anderen Kollegen frech durch die Kehren. Nach
einigen Eingewöhnungsrunden mit unseren Rädern stiegen wir der
Reihe nach auf die bereitgestellten Bahnrennmaschinen um. An die mussten wir uns ebenfalls erst gewöhnen. So ein Rad hat keine Bremsen,
keine Gangschaltung und keinen Freilauf. Man darf nicht aufhören zu treten, solange das Bahnrad in Bewegung
ist, sonst würde man unverzüglich über den Lenker absteigen.
Gewöhnungsbedürftig ist allein schon das
Aufsteigen, weil sich auch dabei das Pedal gnadenlos weiter dreht.
Während der Fahrt zeigte sich, wie nachlässig ich
sonst pedaliere. Wenn ich die Hände am Lenker umsetzte, höre ich
für gewöhnlich unbewusst einen Moment lang auf zu treten. Meine
geliehene Bahnmaschine ließ dies nicht zu, drohte sich aufzubocken,
ließ mich umgehend brav weiter pedalieren. Es dauerte einige
Runden, bis wir beide eine Einheit bildeten. Gebremst
wird, indem der Druck auf die Pedalen verringert wird. Statt von
"bremsen", sollte man eher von "ausrollen"
sprechen. Ich brauchte einige Runden um von Vollgas in den Stand zu
gelangen.
Weil
man als Anfänger in den Kurven kaum überholen kann, muss man
vorausschauend fahren. Fast wäre ich nahezu ungebremst ins Rad der
sich noch einrollenden Martina Mollenhauer (Gast über Rev)
gerauscht, musste sie mit verzweifelten Rufen zu mehr Eile
ermuntern. Fährt
man zu langsam hoch in die steilen Kurven, setzen die Pedalen auf.
Auch das kann einem einen gehörigen Schrecken einjagen. Zum Glück
hatten wir jemanden, der uns vorher darauf hinwies. Hans-Peter
Reikowski, Fachwart Bahn im Radsport-Verband Hamburg, hatte uns
eingeladen auf Bahnrennmaschinen ein Probe-Training mit ihm zu
absolvieren. Der RV
Hamburg hat zwar keine eigenen Räder, aber Hans-Peter ist auch
Materialfachwart der RV Germania. 40 Räder hat er in seiner Obhut.
Die sind alle fest verliehen, an Vereinsmitglieder und an die 30 Mitglieder starke, von Hans-Peters Sohn
Markus
geleitete Jugendgruppe. Weil
die Jugendlichen wegen der Sommerferien Pause hatte, konnten wir
deren Räder in Beschlag nehmen. Alle Räder sind mit Look-Pedalen
ausgestattet. Für diejenigen von uns, die keine Schuhe mit
Look-Pedalplatten fahren, tauschte Hans-Peter kurzentschlossen die
Pedale von unseren Rädern auf die Bahnmaschinen.
Unsere
Leihräder stammten aus den 70er-Jahren. Sie waren aus
Reynolds-Rohren gefertigt. Auf einem prangte noch ein Aufkleber vom
Radsporthaus Schätzlein. Dies ließ Erinnerungen an meine ersten
Rennradtouren in mir wach werden. Ich
dachte erst, es läge am Alter der Räder, dass die mit auf die
Felgen zu klebenden Reifen ausgestattet waren. Aber das ist bei
diesem Fahrradtyp noch heute so. Das sorgt dafür, dass die Mäntel in den Kurven bei plötzlichen Steuermanövern
und Pannen nicht von der Felge springen. Wegen
der Ferienzeit war nichts los auf der Bahn. Außer uns übte nur
eine Rollschuhläuferin auf der inmitten der Radrennbahn gelegenen
Rollschuhbahn. Henning Koller (Rev) hatte den Termin führ uns
verabredet. Neben ihm und den bereits erwähnten Kollegen hatte nur
noch Alexandra Link (AM) genug Zeit und Mut für eine Proberunde
gefunden.
Die
Bahn in der Wolfgang-Meyer-Sportanlage an der Hagenbeckstraße in
Hamburg-Stellingen gehört der Stadt, wurde vom Bezirksamt
Eimsbüttel dem Radsport-Verband Hamburg zur Verfügung gestellt.
Sie ist 250 Meter lang, so wie die bei den Sechstagerennen auch, und
aus Beton gefertigt. Holz ist schneller als Beton oder Asphalt, weil
es den geringsten Reibungswiderstand bietet. Die
gesamte Bahn ist mit dem größten Zelt-Membran-Dach Europas
überzogen, unter dem ständig frische Luft zuströmt, und mit einer
Flutlichtanlage ausgestattet. Die Anlage ist öffentlich. Das
heißt, dass sie jeder mit seinem Rad kostenlos benutzen kann. Man
muss keine Bahnrennmaschine mitbringen. Ein Rennrad oder etwas
ähnlich schnelles sollte es aber schon sein. Es macht erst bei
hohem Tempo richtig Spaß durch die Steilkurven zu ziehen. Die
Bahn ist Montags von 16:00 bis 19:30 Uhr und Mittwochs und Freitags
von 16:00 bis 21:00 Uhr für jedermann geöffnet. Man kann mit jedem
beliebigen, eigenen Rad seine Runden drehen. Es muss kein spezielles
Bahnrad sein. Der Eintritt zur und die Nutzung der Bahn kosten
nichts!
Die Saison dauert von Mitte April
bis Mitte September, abhängig davon, wie lange die Eishockeysaison
dauert. Wir haben uns in Umkleidekabinen umgezogen, hätten
hinterher auch duschen können. Die nächste Radrennbahn steht in
Hannover, bietet die olympische Distanz von 333,3 Meter und ist
unbedacht. Es
war für uns sicherlich nicht der Beginn einer neuen Leidenschaft.
Bahnradfahren heißt volle Pulle zu treten. Ich fahre lieber
entspannt an der Landschaft vorbei. Aber es war für uns alle eine
spannende neue Erfahrung. Was so toll ist am Bahnradfahren? Nun, ich
glaube, man kann sich in einen regelrechten Rausch fahren. Wer Lust
dazu hat, es uns nachzutun, sollte nicht zögern und mit seinem Rad
ebenfalls eine Proberunde auf der Bahn drehen.
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