RTF-Radtour Rund um die Schlei ab Schleswig - Regen und Wind die Stirn geboten
Der
Wetterbericht hatte im Jahr 2004 die ganze Woche lang vorher von der Teilnahme an
dieser RTF abgeraten. Von kräftigen Regenfällen am Sonntag war da die
Rede. Was ich aber dann auf den ersten Kilometern nach der letzten
Verpflegungsstation erlebte, lässt sich mit dem Wort
"Hauptwaschgang" wohl treffender beschreiben. Zu dem kräftigen
Regen kam, dass der einem von kräftigem Gegenwind serviert wurde. Und was
die Wetterfrösche sicherlich nicht ahnten, war, dass ich ausgerechnet an
diesem Tag meine Regenjacke daheim hatte liegen lassen.
Angefangen
hatte es mit dem Regen schon bei der Hinfahrt auf der Autobahn. Der hörte
dann aber pünktlich auf, als ich in Schleswig ankam. Man soll halt nicht
zu viel auf solche Prognosen geben, dachte ich mir. Dass ich nun meine
Jacke nicht im Auto fand, deutete ich ebenfalls als gutes Omen.
Als ich
am Start das Kamerateam des NDR ablichten wollte, kam ein Radler der
RG UNI Hamburg auf mich zu, wollte wissen, ob ich denn der Helmut wäre.
Die Frage konnte ich bejahen, erntete viel Lob für diese Homepage und
durfte ein Foto von meinen treuen Leser schießen (Grüß Euch!). Dabei zickte
die Kamera
rum, weil die Batterien schon recht schwach waren. Wo bekommt man auf
einer RTF frische?
Nach
einer kurzer Ansprache, gab der Starter die Tour frei. Alle Teilnehmer
starteten en bloc. Ein Polizeifahrzeug geleitete uns die ersten vier
Kilometer aus der Stadt heraus. Um rote Ampeln brauchten wir uns in der
Zeit keine Gedanken machen, aber vor den engen Kurven mussten wir sehr
aufpassen, weil das Feld davor ins Stocken geriet.
Kurz darauf warnte uns
ein dort postierter Ordner vor einer Straßenverengung. Mal abgesehen von
der Querung der Schlei auf der Hauptstraße durch Kappeln, konnte man
sonst bis ins Ziel entspannt auf Nebenstraßen radeln.
Über Busdorf,
Selk, Geltorf und Ascheffel ging es zum Anstieg zur Radarstation
Brekendorf. Oben hatte der NDR seine Kamera in Stellung gebracht. Ich bat
um Amtshilfe unter Journalisten und bekam prompt zwei frische Batterien
für meinen Fotoapparat.
Es
folgte eine berauschende Abfahrt auf einem engen Asphaltweg. Nach 25
Kilometern erreichten wir die erste Kontrolle am Feuerwehrhaus der FF
Hummelsfeld.
Vor dieser und auch den folgenden Kontrollen wurden die Autofahrer mit
Schildern "Vorsicht Radsport" vor uns Radfahrern gewarnt. Wohl
weil an der K1 immer am meisten Berieb herrscht, sorgten zwei Ordner
zusätzlich für Sicherheit.
Es gab
Bananen- und
Wassermelonenstücke (!) sowie Corny-Riegel, dazu eine große
Getränkeauswahl mit Mineralwasser, Apfelsaftschorle, Sportgetränk und Cola.
Wer Luft in die Reifen nachfüllen wollte, konnte dies mit einem wie eine Bohrmaschine
aussehenden Akku-Kompressor tun.
Bei der
Abfahrt blickte man auf eine schwarze Wand aus dicken Regenwolken. Alle
zogen ihre Regensachen an, nur ich nicht. Erstens hatte ich keine Jacke
dabei, zweitens zogen die Wolken von uns weg. Statt Regen setzte nun
stärkerer Wind ein.
Über Goetheby, Kosel, Missunde, Bohnert und Norby, vorbei an der schönen Mühle
Anna, ging es nach Rieseby. An einem See in einer Siedlung dahinter sah
ich mehrere gewaltige hochgiftige Riesenbärenklau-Pflanzen stehen. Dass
sie über drei Meter hoch werden können, kannte ich bisher nur aus
Pflanzenlexika. Hier stand der Beweis. Die Leute dort haben wohl keine
Ahnung, welches Teufelszeug sich in ihrer Nachbarschaft ungehindert
ausbreitet.
Bekannte
habe ich nicht getroffen, aber unterwegs
Christian Berger kennengelernt. Er arbeitet im Forschungslabor von Shell Global
Solutions. Wir plauderten über RTFs. Er berichte mir positives von seinen
Teilnahmen in Husum und Bad Schwartau sowie bei einer in Baden
Württemberg und von einigen Berichten, die er im Internet gesehen hatte.
Er staunte nicht schlecht, dass die von mir waren.
Nach 25
Kilometern ereichten wir die K2 in Sieseby. Dort gab es den selbstgemachten Milchreis mit Früchten, von dem
mir Henning Koller (Rev) vorgeschwärmt hatte. Wirklich lecker! Auf den Riesenbärenklau
angesprochen sagte mir ein Helfer, dass der sich überall immer noch
weiter ausbreitet.
Über
Thumby,
Karlsburg, Brodersby und Olpenitzfeld ging es in Richtung Kappeln. Mir
fiel ein Radfahrer auf, weil er zwei 1,5-Liter-Flaschen im Rahmen und
einen Halter für zwei normale Flaschen hintern Sattel mit sich führte. Was sind das für Touren, für
die man solche Mengen an Flüssigkeit mit sich führen muss, fragte ich
ihn. Ganz normale. Er schwitzt halt sehr stark, entgegnete Ruy
Kuhlmann.
Erst
dachte ich wegen seines Akzents, er wäre Spätaussiedler aus Russland.
Weit gefehlt. Ruy wurde in Argentinien geboren, ist als Erwachsener von
dort in das Geburtsland seiner Eltern ausgewandert, weil er in der
kolonial geprägten Gesellschaft Argentiniens nie heimisch wurde.
Ruy
leitet für den ADFC Hamburg das Sicherheitstraining
Straße. Er war es auch, der bemerkte, dass unsere zwischenzeitlich aus
vier Fahrern bestehende Gruppe sich verfahren hatte und uns wieder auf den
rechten Weg führte.
Es
wurde nun sehr diesig und zu dem Wind kam später leichter Nieselregen.
Als wir einige Minuten vor der Klappbrücke in Kappeln warten mussten, bis
einige Segelboote unseren Weg gequert hatten, war es zum Glück wieder
trocken.
Es
folgte der schönste Abschnitt der Tour auf der nördlichen Seite der
Schlei über Grödersby nach Lindaunis. Nun fuhren wir auch ab und zu
direkt an der Förde entlang. Ich sah viele Radwanderer auf Urlaubstour. Thomas
Wiencke,
mein Fahrradhändler, Henning Koller und Henning Moehle (ORG) hatten bei
ihren Schilderungen von der RTF nicht übertrieben; die RTF folgte einer
schönen Route.
In
Lindaunis musste ich mich wegen starkem Regen unterstellen. Einer ältere
Dame auf einem Fahrrad erzählte ich, dass ich meine Jacke vergessen
hatte. Das darf man hier nie, entgegnete sie. Sie hielt mich wohl für
einen Feriengast und bot mir an, mir eine zu leihen. Das war super nett
von ihr, aber bei ihr zu Hause angekommen, wäre ich wohl schon bis auf
die Haut durchnässt gewesen.
Die
Vorbeifahrenden fragten mich alle, wo denn die K3 wäre. Keine Sorge, die
kam erst noch, allerdings erst nach insgesamt 37 Kilometern in Lindaukamp.
Als der Regen etwas nachließ, fuhr ich einfach weiter. Der Wind wurde nun
böig und kam von vorne.
An der
K3 traf ich wieder auf Thomas Baltuttis, dem Redakteur des NDR Schleswig-Holstein
Magazin mit seinem Kameramann und seiner Tonassistentin. Der Beitrag wurde
am nächsten Tag auf N3 in Schleswig-Holstein gesendet, am Dienstag in
Hamburg als Wiederholung gezeigt.
Begleitet
wurden sie von Hans-Jürgen
Marxen, RTF-Fachwart der RV Schleswig und Ausrichter der Tour. Obwohl
wegen des schlechten Wetters mit 310 Teilnehmer 40 weniger als im Vorjahr
gestartet waren, war Hans-Jürgen bestens gelaunt, lobte seine netten Helfer.
Die tragen alle ein Namensschild, stehen somit mit ihrem Namen für die
Veranstaltung. Eine gute Idee.
Die
Region Schleswig ist dünn besiedelt. Von dort können nur wenige, von der
angrenzenden Ostsee gar keine Teilnehmer kommen. Dafür waren einige
weitere aus Hamburg mit Bahn und Auto angereist. Stellt sich die Frage
nach dem Sinn, warum man über 250 Kilometer mit dem Auto fahren sollte,
um dann etwas über 100 Kilometer mit dem Rad zurückzulegen.
Man
kann es so sehen: Effektiv saß ich nur zwei Stunden im Auto, mit Pausen
aber fast sechs Stunden auf dem Rad. Hundert Kilometer Radfahren kann ich
in Hamburg auch, wenn man dies aber mal an der schönen Schlei tun
möchte, bietet diese RTF eine sehr gute Gelegenheit dazu.
Der Regen
wurde nun heftig und schien kein Ende nehmen zu wollen. Das gab mir die
Zeit, zwei weitere Portionen Milchreis zu genießen und mit Hans-Jürgen
zu plaudern. Es kommen einige Radler von der 150er-Runde heran. Die hatten
eine Extra-Runde durch das nördlich
gelegene Hinterland der Ostsee gefahren.
Es
hatte keine Sinn, auf trockenes Wetter zu warten. Allein biete ich Regen
und Wind nun die Stirn. Schon nach wenigen Kilometern sind selbst meine Überschuhe
aus Neopren durch. Staunend sah ich eine
Joggerin, die nur in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs war. Von den
Radlern, die ich überholte, haderte keiner mit seinem Schicksal. Man
hatte schließlich geahnt, worauf man sich eingelassen hatte.
Über Gunneby, Kius, Ulsnis, Goltoft, Brodersby, Schaalby und Moldenit ging es
zurück nach Schleswig. Auf den letzten Kilometern hatte es aufgehört zu
regnen. Dafür musste ich nun Krampfattacken abwehren, weil ich mal wieder
zu wenig getrunken hatte. Später erfuhr ich, dass Henning Moehle die
gleiche Strecke gefahren hatte, allerdings viel schneller wie ich. Als der
große Regen einsetzte, war der schon wieder auf dem Heimweg.
Unterwegs
fantasierte ich von Grillwürsten. Bei diesem Wetter wird sicherlich
niemand grillen und ich hatte keinen Bock auf Bockwurst. Nach 113
Kilometern mit immerhin ca.
550 Höhenmetern bei Temperaturen um die 15 Grad glaubte ich plötzlich zu
träumen: Auf dem Schulgelände zog Bratwurstduft aus einem Unterstand in meine Nase. Zwei hab ich mir
gegönnt. Die waren ebenso lecker wie preiswert.
In der
Schule gab es zudem ein üppiges Kuchenbuffet, dazu richtige Service und Bestecke.
Wer wusch das blos alles wieder ab? Wirklich nett, was der RV Schleswig
für die paar hundert Leute an Aufwand getrieben hatte. Im nächsten Jahr
sollten sich hier bei schönerem Wetter noch mehr Teilnehmer einfinden.
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