RTF
Rund um Lüneburg - Abseits des Verkehrs
Außer vor Schnee und Tornados hatte der
Wetterbericht seit Tagen so ziemlich vor allen Scheußlichkeiten am
Pfingstsonntag gewarnt. Gewitter, kräftige Schauer, ergiebiger Regen und
Hagel. Nichts von alledem haben wir abbekommen. Im Gegenteil: Die Sonne setzte
sich durch. Meine trutzige Kleidung erwies sich als viel zu warm.
Allerdings, als ich in Hamburg losfuhr, war ich mir
des Wetters auch nicht so sicher, hatte Sachen zum Duschen und Umziehen dabei.
Fatal war deshalb, dass ich verschlafen hatte. Als ich um kurz nach Zehn am
Schulzentrum ankam hatten die anderen schon das erste Depot hinter sich
gebracht. Niemand war mehr an der Schule zu entdecken, auch die Anmeldung
nicht. Mir fiel ein, dass der nur bis 10:00 Uhr ausgeschrieben war. Vergeblich
rüttelte ich an einigen Eingangstüren. Ob wohl der Start abgebaut und das Ziel
woanders lag?
Na
ja, ich fand dann ein Schild und darauf auch die Startnummernausgabe. Obwohl es
schon spät war, konnte ich noch starten. Ich zahlte meinen Obolus und
quatschte mit den Jungs vom RSC Lüneburg. Die stoppten zu Recht meinen
Redefluss, weil ich mit Abstand der letzte war und nun langsam auch losfahren
sollte.
Kaum hatte ich das Gebäude verlassen, erschien
hinter mir ein großer, kräftiger Polizist in Uniform. "Hat er
bezahlt?" fragte er die RSCler mit fester Stimme. Das hatte ich zwar, aber
ich fühlte mich ertappt, weil ich bei der RTF in Winsen vermeintlich
mein Portemonnaie vergessen, mir einen kostenlosen Startplatz erbettelt und darüber
im Forum geschrieben hatte. Wie dumm von mir.
"Herr
Wachtmeister, ich habe nichts böses getan." dachte ich bei mir. "Hat
er bezahlt?" erklang es nun noch eindringlicher. "Ja, hat er."
kam kleinlaut zurück. "Du gibst ihm das Geld zurück! Der Mann macht für
uns Reklame." sprach der Polizist zu meiner Überraschung. Der
"Wachtmeister" entpuppte sich als Olaf Kurbach, RTF-Wart des RSC Lüneburg
und von Beruf Polizist.
Mit über 20 Minuten hinten den Letzten fuhr ich los.
Die anderen waren uneinholbar weit weg. Unterwegs sah ich viele Radwanderer. Mit
der letzten Gruppe kam ich gar kurze Zeit ins Gespräch. RTF? Nee, das kannten
die nicht. Für Radwanderer sind RTF wenig attraktiv. Wer langsam fährt, hat
Zeit in die Karte zu schauen, benötigt keine Ausschilderung. Und das Startgeld
kann man als teuer empfinden, wenn man nur ein Depot anfährt.
Immerhin
hatte ich das Glück einen Storch auf Nahrungssuche zu erspähen. Ich kehrte
um, um ihn zu fotografieren und stellt fest, dass ich Riesenglück hatte. Da
waren gleich vier auf einen Schlag zu bewundern. Weil meine Augen nicht auf das
Hinterrad des Vordermann achten mussten, konnte ich die liebliche Landschaft und
den Anblick von Pferden, Schafen und Greifvögeln genießen. Begeistert hat
mich allein schon der Anblick des Hotels Zur Wassermühle mit der tollen
Terrasse am Mühlenteich.
Zeit hatte ich auch um meinen Gedanken nachzugehen.
Ab einem gewissen dauerhaft hohen Puls spielen die verrückt. Beim Anblick eines Hofhundes fiel
mir ein, dass mir eine Tierärztin erzählt hatte, dass die früher robuster
waren. Wenn damals die Hündin auf Hof A heiß war, leiste der Hund von Hof B
oder C Nachbarschaftshilfe. Heute praktizieren dass zwar in ähnlicher Form
auch die Menschen selbst in den Städten, nur die Hunde kommen kaum noch
unangeleint vor die Tür.
Das
Wetter wurde immer besser, ich streifte die Ärmel ab und mir wurde klar, dass ich die 85er-Runde fahren
wollte. Allerdings wollte ich doch früh daheim sein, war aber verspätet
losgefahren. Und was sollte ich allein auf einer Schleife, auf der nicht einmal
ein RTFler entgegen kommen würde? Anderseits waren die Wege toll. Weitgehend
nahezu autofrei, leicht wellig und in gutem Zustand. Ich kenne wenige RTF im
Wirtschaftsraum Hamburg die da mithalten können. Frustriert kehrte ich am
Ortsausgang von Betzendorf um und bog
auf die 45er-Runde ein.
Auf dem Begleitzettel waren alle Orte vermerkt. Das
ist vor allem dann sehr hilfreich, wenn man allein unterwegs ist. Schnell hat
man ein Schild übersehen und sich verfahren. Mein Arbeitskollege Björn Goth
erzählte mir später, dass er trotzdem 15 Kilometer Umweg gefahren war, weil
einige Schilder gestohlen wurden.
Das
Depot in Melbeck kam erst nach ca. 35 Kilometern. Weitere zehn weiter lag schon das Ziel.
Das führte dazu, dass einige Fahrer einfach dran vorbei direkt zurück zum
Schulzentrum fuhren. Ihnen entgingen die Schmalzbrote, die Negerküsse, Äpfel
und Bananen, dazu Zitrus- und Dattel-Orange-Müsliriegel aus dem Reformhaus von granoVita. Es gab das bekannt
wohlschmeckende Getränkepulver von Uelzena aus Uelzen in den Sorten Kirsch und
Exotik. Für die anderen.
Nicht für mich. Ich hatte meine Flasche über 's Fotografieren am Depot stehen
lassen.
Ich schloss mich einer Dreiergruppe an, von
der mir nach kurzer Zeit immerhin ein Fahrer als Begleitung übrig blieb.
Wolfgang Schrittenlacher aus Harburg fiel auf, weil
er mit Joggingschuhen auf einem Oldtimer saß, ein Bianchi, dass er 1986 neu für damals stolze tausend Mark erworben hatte. Wir fuhren plaudernd
nebeneinander, bis ich mich kurz vor dem Ziel einer Gruppe Radwanderern
zuwendete.
Björn
erzählte mir, dass er vom Start etwas enttäuscht war. Es waren einfach zu
wenig Leute da, obwohl die Lokalpresse einen großen Vorbericht gedruckt hatte. Kein Wunder, bei dem Wetterbericht. So um die 350 waren es
insgesamt. Bei der Premiere der RTF im Vorjahr war es nicht besser. Da war
nicht nur die Vorhersage, da war auch das Wetter sehr schlecht. Bekanntlich
wird das Tragen eines Helmes bei den RTF dringend empfohlen, für den Start ab
Zentrum war es Pflicht.
Viele Trikots sah ich von der RG Uni Hamburg, vom Post SV Uelzen und
von Cuneo. Neben Björn war auch Henning von der BSG Haspa gestartet. Mir Bekannte traf ich wenige, genau genommen nur Björn,
aber einige trafen mich. Neben Olaf waren da noch die Shellisten. Die hatten
mir nach der
RTF in Norderstedt den Heimweg gewiesen. In meinem Bericht hatte ich sie als
solche
bezeichnet, weil sie BSG Shell-Trikots trugen. Leider hab ich deren Namen
versehentlich vom
Diktiergerät gelöscht. Meldet Euch bitte per Mail.
In
der Turnhalle erwartete uns ein üppiges Buffet mit selbstgebackenen Kuchen.
Das Mädel, dass mich bediente guckte ungläubig, als ich sie das dritte große
Stück auf den Teller legen ließ. Mein Nebenmann erklärte es ihr. "Das
ist Helmut!" "Das Trüffelschwein unter den Radsportlern." ergänzte
ich. Dabei war der Kuchen auch für mein Mädel daheim. Ich aß nur ein Stück,
ließ mir die anderen einpacken. Lila nennt uns "Französische
Hunde", was ausdrücken soll wie wählerisch wir unsere Lebensmittel auswählen.
Den Kaffee dazu hatte mein Leser Bernd Flügge schon für mich
bezahlt. Bernd vom Blau-Weiss Buchholz ist beinamputiert, fährt mit nur einem
Bein, geht mit Prothese. Im hohen Alter von um die 50 - so wie ich - ist er zu
den Deutschen Meisterschaften der gehandicapten Radsportler angetreten, sprüht
noch immer vor Energie. Er erzählte mir von Christian Kolb, der beinamputierte
Radsportler fotografiert. Diese Bilder üben auf mich eine besondere
Faszination aus. Beinprothesen und Rennräder verbindet, dass sie feinste
Mechanik bieten, dazwischen der amputierte Mensch als verbindendes Element, der
beides nutzt um schnell voran zu kommen.
Ein
weiteres Glanzlicht war die optional gegen geringes Entgelt angebotene entspannende
Wellness-Massage von Heilpraktikerin Ulrike Wegeler und
Heilpraktiker Andreas Hagen. Die Leute auf den Liegen genossen sie bei
Entspannungsmusik und Wohlgerüchen aus kleinen Fläschchen. Mir war nicht so
wohl. 45 Kilometer Radfahren waren eindeutig zu wenig für mich. Zum Ausgleich
bin ich am nächsten Tag durch die heimischen Grünzüge getrabt.
Diese RTF hat das Potential bei schönem Wetter an die tausend Radler anzulocken.
Obwohl, der Termin am Pfingstsonntag passt einigen
nicht. Nicht jeder bekommt an so einem Tag Ausgang. Dabei ist es der Tag für
eine Fahrradtour, was die zahlreichen mir begegneten Radwanderer zeigten.
Hier findest Du alle Bilder der RTF
Lüneburg 2007
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