RTF-Radtour
ab Bad Schwartau - über sanfte Hügel durch die Holsteinische Schweiz
Vor
diesem Streckenprofil hatte ich Respekt. Viele Radler hatten mir
berichtet, wie wellig es doch wäre, aber jetzt geht alles ganz einfach.
Wir gleiten mit 32 bis 35 km/h dahin und mein Pulsmesser zeigt nur
lächerliche 110 Schläge pro Minute an, wo sonst um die 130 stehen. Das liegt an der tollen Gruppe des
RSC Kattenberg, in die ich mich im Jahr 2005 gemogelt habe.
"Helmut,
wann bist Du denn heute morgen aufgestanden?", fragt mich augenzwinkernd Lutz
Lembcke,
einer meiner Führer bei deren CTF, als die letzte Gruppe am Start auf
mich warten musste. "Um viertel vor Sieben.", denn den Start zur
Ostholstein RTF ab Bad Schwartau wollte ich nicht verpassen.
Das
gibt mir die Gelegenheit Lob an den Koch der Suppe zu senden, die nach der
CTF für Begeisterung gesorgt hatte. Zu meinem Bedauern eröffnet mir
Lutz, dass die von einem Party-Service geliefert wurde. Hätte sie ein
Vereinsmitglied gekocht, hätte ich um das Rezept gebeten, um es hier zum
Nachkochen für weitere Veranstaltungen im Winterhalbjahr zu
veröffentlichen.
Die
Gruppe läuft gut. Wir fahren entspannt in einer Zweierreihe und mir
fällt auf, dass ich noch nie soviel Gebrabbel im Feld gehört habe. Die
Kattenberger sind einfach gut drauf, genießen es sichtlich mit ihren 25
Vereinskameraden dabei zu sein.
"Erstes Depot passieren lassen."
höre ich Lutz der Reihe nach den Kattenbergern zurufen. Andreas Bürger klärt mich
darüber auf, dass die sie im Verband die 155er-Runde fahren und
sich dazu zunächst der Vereinfremden aus dem Feld entledigen möchten.
Ich
jedenfalls fahre rechts ran um mich zu stärken. Vorher treffe ich noch
Björn Goth, den ich nach einer kurzen Unterhaltung ziehen lasse, weil er
einfach zu schnell für mich ist. Björn erzählt mir von Henning Koller
und Susanne Karstens, die grad von einer vierwöchigen USA-Reise zurück
sind und ob der langen Trainingspause nicht wissen, welche Strecke sie
fahren sollen.
An der
Verpflegungsstation am Feuerwehrhaus in Röbel treffe ich die beiden dann. Henning berichtet
begeistert von einer Tour auf einem geliehenen Mountainbike in Colorado,
auf Felsen an steilen Abhängen entlang, für stolze 35 Dollar den halben Tag. Von
einem Sturz ist ihm eine noch nicht ganz verheilte Wunde geblieben.
Nun
kommt auch noch Rad-Manne hinzu und über die Quatscherei vergesse ich mir
zu notieren, was es denn zu essen gab. Ich meine Melonenstücke zu
erinnern. Das Angebot war O.K., allerdings hat es nach eigenem Bekunden
des Vereins zum Ende nicht mehr gereicht.
Wir
beschließen, zusammen weiter zu fahren, aber welche Strecke soll es denn
sein? Henning und Susanne sind wohl schon wieder zu Kräften gekommen,
wollen die 120er-Runde drehen. Auf mich wartet daheim Besuch und 2,5 Kilo zu
schälende Spargelspitzen, deshalb muss ich mich mit der 86er begnügen.
Verdattert stellen wir fest, dass sich schon nach 20 Metern unsere Wege
trennen, weil sich an der
Station die Routen teilen.
So
verpasse ich die Tour nach Bergfeld. Wer die 153er-Route wählt, fährt
zur Belohnung auch noch am Bungsberg vorbei, mit 168 Metern Höhe
Schleswig-Holsteins höchstem Berg. Landschaftlich vermisse ich nichts,
denn der für mich folgende Abschnitt durch den Naturpark Holsteinische Schweiz ist
einer der schönsten, die ich je auf einer RTF gefahren bin.
Als ich
mir zuvor in Röbel meinen Stempel abholen wollte, bemerkte ich, dass ich
vergessen hatte, einen Begleitzettel mitzunehmen. Das war nicht weiter
schlimm, denn den Stempel erhielt ich ersatzweise auf einem Stück Pappe
und die kleingedruckten Orts- und Distanzenangaben auf dem DIN-A5-Zettel
habe ich ohne Brille eh nicht lesen können.
Im
Gegensatz zu einem Brevet ist man auf einer RTF ohne Zettel nicht
orientierungslos, dafür gibt es ja eigentlich die Ausschilderung. Die führte uns
zunächst über üble Schlaglöcher, an dem mein Vordermann seine Flasche
verlor. Die rollte auf die andere Straßenseite und nur knapp am Reifen
einer uns entgegen kommenden Radfahrerin vorbei.
Der
Depp hat kein Wort der Entschuldigung über seine Lippen gebracht und die
Flasche einfach liegen lassen. Was glaubte der, wo er ist? Bei der Tour de
France, wo die Helfer hinterher den Müll einsammeln?
Wir fahren und fahren
und ich genieße die Landschaft und da, plötzlich ein lautes Rufen von
links. Wir haben anscheinend eine Abzweigung verpasst. Wie das? Da war
kein Schild nach links. Ursache war, dass wir von rechts hätten kommen
sollen.
Wir
hatten also schon früher eine Abzweigung nach rechts verpasst. Und nun?
Wir beschließen weiter dem ausgeschilderten Weg zu folgen. So entgeht uns
dann die zweite Kontrollstelle und ca. 14 Kilometer Strecke. Soll ich mich
darüber ärgern? Nein, lieber verweile ich auf dem Pariner Berg, lasse
meinen Blick auf und über Bad Schwartau schweifen. Im Tour-Forum war später
zu lesen, dass einige Schilder Opfer von Sabotageakten geworden waren.
Am Ziel treffe ich Uwe Michalzik,
Haspanese wie ich und Mitglied des RV Trave Bad Oldesloe. Der Verein hat seine
Reklame für die RTF Giro Stormarn auf den Biertischen ausgelegt. Das ist
keines der üblichen Faltblätter, das ist eher eine Festschrift.
Beeindruckend, wen die Oldesloer alles für ihre RTF als Sponsor und Paten
eingespannt haben. Auffällig, weil ebenso folgerichtig wie selten
vorzufinden, fand ich es auch, dass der Veranstalter ob der
hunderten Rennrad fahrenden Nicht-Vereinsmitglieder seine Beitrittsformulare ausgelegt
hatte.
Fast
hätte ich dann noch vor Ort ein Rennrad gekauft. Die Lübecker hatten am
Ziel ihre alten Teile und Klamotten zum Verkauf angeboten, darunter auch
ein gepflegtes altes Rennrad mit kleinem Rahmen. Bis ich daheim geklärt
hatte, ob das als Einstiegsrennrad für mein Mädel passen würde, war es
verkauft.
Während
der gesamten RTF war mir die große Zahl helfender Hände angenehm
aufgefallen. Bei der Hinfahrt führten mich Schilder von der Autobahn
sicher zum Start am Schulzentrum in Bad Schwartau. Die Schlange vor der
Startnummernausgabe war erträglich lang, obwohl der Andrang bei dem seit
Tagen währenden schönen Wetter enorm war. Mit über 800 Teilnehmern
verzeichnete der RST Lübeck wohl erneut einen neuen Rekord.
Am
Start wurden wir auf Gefahrenstellen und Besonderheiten hingewiesen, auf
Eselverkehr in Nessendorf, verstärktem PKW-Verkehr in Stadt Hagen wegen
einer Veranstaltung des NDR und wo große Schlaglöcher uns erwarteten. Mit einer Fahrradklingel am Finger ("Pircing für
Radfahrer") verschaffte sich der Starter Gehör. In Gruppen von
mehreren Hundert Teilnehmern wurden wir auf die Strecke entlassen.
Die
Bildung so großer Gruppen hatte die Polizei ermöglicht. An den ersten
beiden Abbiegungen sorgten Polizisten für eine reibungslose Fahrt. Sie
äußerten ihr Bedauern, dass sie die Ampel nicht beeinflussen konnten, an der
wir gleich dahinter stoppen mussten.
Hinter
Groß Parin ging es im zweiten Gang auf den 72 Meter hohen Pariner Berg.
Danach war zu meinem Erstaunen zunächst keine nennenswerten Steigungen zu
verzeichnen. Ich war auf mehr gefasst. 320 Höhenmeter auf 72 Kilometern
Strecke habe ich absolviert. Die RTFs durch die Nordheide verlangen einem
mehr ab.
Rennradfahrer
lieben es scheinbar lautlos dahin zu gleiten, reagieren allergisch auf
jedes Kettenrasseln. Davon hatte ein Motorradfahrer wohl keine Ahnung,
meinte uns mit lautem Geknatter und Spielen am Gas imponieren zu können.
Dass er sich damit nicht beliebt machte, schien ihn nicht zu stören.
Wohl
weil wir in großen Gruppen gestartet waren sah ich nach nach zwanzig
Kilometern noch immer große Felder zusammen fahrend. Über Horsdorf,
Malkendorf, Sarkwitz, Gletscherdorf, Barkau und Gothendorf ging es zum
Depot nach Röbel. Die weiteren Stationen kann ich nicht mehr
rekonstruieren, weil ich mich verfuhr. Trotzdem, wenn es in meinen
Kalender passt, komme ich gern wieder.
Es
folgen das Höhenprofil und weitere aufgezeichnete Daten. Die
Kontrollstation ist mit einer roten Linie markiert.
|