RTF
Buchholzer Heidetour ab Buchholz in der Nordheide - Wo "alte Männer"
mich am Berg stehen ließen
Es war eine schöne RTF, mit
einer anspruchsvollen, weil hügeligen Strecke, aber auch mit kleinen
Schönheitsfehlern, jedenfalls für meinen Geschmack. Im Großraum Hamburg sind
wir in Bezug auf RTFs ziemlich verwöhnt; so fällt es denn auf, wenn auf
Gefahrenpunkte nicht hingewiesen wird, die Schilder etwas dezent wirken und die
Verpflegung - jedenfalls mir - eintönig erscheint. Am längsten im Gedächtnis
haften bleiben wird mir aber, wie zwei Herren um die Siebzig mir auf den
Anstiegen vorausfuhren.
Ich habe mich bei schönem
Wetter im Mai 2006 mit "Pedalritter Nord" Stefan von der Ahe
verabredet. Fast hätte ich ihn verpasst. Mein Auto bockte derart auf der
Autobahn, dass ich schon wieder umdrehen wollte, aber der Gedanke an Stefan und
die RTF ließ mich einfach weiterfahren. Später stellte sich heraus, dass die
Zündspule defekt war. Der Motor agierte kraftlos, brachte mich immerhin
anschließend auch wieder heim.
Als nächstes Hindernis erwies sich die Ausschilderung zum
Start. Die von der Autobahn kommende Straße endete mitten in Buchholz. Und nun?
Links- oder rechtsherum? Ich sah kein Schild, fuhr rechts ran, wartete auf das
nächste Auto mit Rennrädern im Gepäck. Dem folgte ich. Kurz darauf kam uns
ebenso einer entgegen. Zum Glück hatte ich den richtigen erwischt, komme kurz
vor neun am Start an.
Stefan wartet schon auf mich. Mit seinen
hundertfünfunddreißig, auf hundertneunundachtzig Zentimetern Größe
verteilten Kilogramm ist er kaum zu übersehen. Ich bin immer noch im Stress,
weil mein Fotoapparat streikt. Der Batteriedeckel lässt sich nicht schließen.
Stefan besieht sich den Kasten, steckt den Akku andersherum hinein und ich lass
mich bei der Anmeldung express abfertigen.
In Niedersachsen betreibt man eine andere Preispolitik bei
den RTF als in Hamburg und Schleswig Holstein. Statt drei Euro für BDR- und
acht für Nicht-Mitglieder, kostet diese dreifünfzig bzw. sechs. Das ist O.K.,
man kann es so oder so regeln.
Wir schaffen es noch mit der ersten Gruppe abzufahren. Die
meisten sind viel zu schnell für uns und bald schon kommen die ersten Anstiege.
Mit unserem BMI um die 30 haben wir Mühe mit den Bergziegen mitzuziehen. Mein
Arbeitskollege Björn Goth zieht locker an uns vorbei.
Das Wetter ist toll, sonnig und doch angenehm kühl,
nachdem es in der letzten Nacht geregnet hatte. Das ist gut für uns, aber nicht
für den Veranstalter, weil selbst Regen am Vortag viele Teilnehmer kostet. Wer
daheim blieb, verpasst was, wir jedenfalls lassen uns in kurzen Hosen den
Fahrtwind um die Beine wehen.
Wir fahren über Sprötze, Holm-Seppensen, Holm,
Schierhorn und Dierckshausen nach Hanstedt, wo demnächst die Deutsche
Meisterschaft der Senioren ausgefahren wird. Wir erfreuen uns am leuchten Gelb der blühenden
Rapsfelder und dem von mir geliebten Gelb auf Grün des Löwenzahns auf den
Wiesen.
Als nächster Bekannter zieht Georg Neumann
von der Harburger RG an uns vorbei. Wir hatten uns schon auf dem Parkplatz
getroffen und ein paar Worte gewechselt. Er ist mit dem Verlauf
"seiner" RTF ab Neuwiedenthal zufrieden. Die Teilnehmer waren 's auch,
wie im Forum nachzulesen ist.
Es geht weiter über Nindorf
zum ersten Depot in Garlstorf. Es gibt Fruchtschnitten und Müsliriegel, jeweils
genau eine Sorte, dazu Bananenstücke - das war 's. Wer auch auf einer RTF Tempo
bolzt, wird damit zufrieden sein. Leute wie ich, die auch links und rechts
gucken und immer für einen Schnack gut sind, hätten gern etwas mehr Auswahl
vorgefunden.
Wir treffen meine
Arbeitskollegen Jörg "Weicjo" Weichert und Henning Koller mit seiner
Freundin Susanne Karstens. Die drei sind fassungslos, dass ich schon so früh unterwegs bin.
"Mein Wecker ist kaputt" entschuldige ich mich. Jörg ist seinem alten
Renner unterwegs, schon sein neues Vollcarbonrad für die noch kommenden großen
Auftritte, z. B. beim Ironman in Frankfurt.
Stefans rechter Schuh knarzt
und mein Vorderreifen hat einen Schleicher. Am Stand sind weder Pumpe noch
Werkzeug zu sehen. Wir könnten uns mit bordeigenen Mitteln helfen, zur Not die
vielen Mitradler fragen, sind aber zu bequem, fahren einfach weiter.
Die Gegend ist sehr hügelig, eignet sich auch zum Fahren
mit dem MTB, von denen hier auffällig viele am Start zu sehen waren. Auffällig
ist auch der hohe Frauenanteil. Der ist gut für die Atmosphäre und bietet
Stefan und mir was für 's Auge. Auf einer Koppel sehen wir so um die 20 herrlich
anzuschauende Pferde, als uns eine ebenfalls ansehnliche Dame mit Pferdeschwanz
überholt. Das Glück der Erde... Ach nee, das passt hier wohl nicht her.
Wer beim Blick auf die Bilder meint, Stefan wäre dick,
der hätte ihn mal vor zwei Jahren sehen sollen, da wog er noch 172 Kilogramm.
Nach einem Jahr intensiven Trainings hatte er seine heutige Statur erreicht,
nimmt nun weiter ab.
Über die Fahrten zum Fitnesstudio ist zum Rad-, später
Rennradfahren und darüber auf Helmuts-Fahrrad-Seiten gekommen, nennt sie noch
heute als stete Quelle seiner Inspiration. Er betreibt gleichfalls eine
Homepage, auf der er ein Radtagebuch führt, uns an seinen Erlebnissen teilhaben
lässt und laufend sein aktuelles Gewicht angibt.
Über Egestorf und Lübberstedt waren wir nach Eyendorf
gelangt. Über diese RTF gibt es nichts zu beklagen, aber Dinge, die wir uns
besser wünschen. Die Ausschilderung war bislang grundsätzlich O.K., wenn auch
die weißen Pfeile mit roten Rand etwas dezent wirken. Nun aber sind wir
irritiert. Ein Schild kündigte eine Felderteilung an, bei der wir rechts nach
Raven hätten abbiegen müssen. Sind wir aber nicht, weil kein Pfeil nacht
rechts folgte. So kreisen wir denn auf der Landstraße und beratschlagen uns mit
weiteren verwirrten Radlern.
Wir beschließen zurück zu fahren und da abzubiegen, wo
es uns logisch erscheint. Henning guckt verdaddert, weil ich ihm entgegen fahre,
es erweist sich aber als die richtige Entscheidung; dies allerdings erst nach
einiger Zeit, weil bei dieser RTF nach dem Abbiegen keine Bestätigungsschilder
folgen (auf der Spitze stehendes Quadrat). Wir hatten schon beschlossen gemäß
dem Beipackzettel auf eigene Faust nach Raven zu fahren.
Na ja, es kommen ja wieder Pfeile und immer wieder auch
Höhenmeter. Bei Kilometer 40 hatten wir bereits 315 in den Beinen, aber uns
geht's prächtig dabei.
Ich treffe den Herrn, der seinen Namen nicht im Web
erwähnt sehen möchte wieder, der mir im letzten Jahr zuerst durch sein
fröhliches Trikot, dann durch sein Alter auffiel. Der Herr war wohl siebzig und
schneller als ich unterwegs.
Ich spreche ihn an, sage ihm,
dass ich sein Alter mit
"siebzig" erinnere. "Nein, einundsiebzig." korrigiert es
mich. Er hat 26 Jahre mit dem Radsport pausiert, ist aber schon wieder seit 23
Jahren dabei. Er fährt beeindruckend schnell und konstant, zieht die meiste
Zeit seine viel jüngeren Mitfahrer die Anstiege hoch.
Über Rohlsen und Sodersdorf gelangen wir auf die schnelle
Abfahrt nach Schwindebeck. Bei 50 km/h fliegt mir die Kette nach rechts vom
großen Blatt. Und nun? Anhalten? Wäre schade. Die abschüssige Straße
beschleunigt uns weiter auf bis zu 65 km/h. Dabei fühle ich mich unsicher, weil
die Pedale keinen Einfluss mehr auf das Fahrverhalten habe. "Leg doch mal
das kleinen Kettenblatt auf." ruft mir mein Hintermann zu. Ich schalte den
Umwerfer nach links und nach einer Pedalumdrehung sitzt die Kette wieder da, wo
sie hingehört.
Am zweiten in Hützel gibt es exakt das gleiche
Nahrungsmittelangebot wie am ersten, mit genau den gleichen Sorten Riegel und
Fruchtschnitten. Ich fingere zur Abwechslung meinen Reserveriegel aus dem
Trikot. Immerhin kann ich mich einer Standpumpe bedienen, stelle fest, dass mein
Schleicher an Dramatik zunimmt. Zu uns stößt Hartmut, der uns beim Start verpasst und - obwohl zwei Startblöcke gestartet - zu uns aufgeSchlossen hatte.
Hartmut ist gut in Form, sorgt sich um die seines Freundes
"Bergschnecke" Uli, mit dem er zusammen zwei RTF im weitaus bergigeren
Sauerland fahren möchte. Seine Bedenken waren wohl ebenso berechtigt, wie dann
doch nicht zutreffend, wie Ulis Bericht von dem Wochenende und Hartmuts
Kommentar im Forum belegen.
Auf dem Weg über Bispingen und Behringen kreuzt ein
stillgelegtes Bahngleis unseren Weg. Es ist in keiner Weise ausgeschildert und
trotz Trockenheit extrem gefährlich, weil im spitzen Winkel verlaufend. Wir
haben Glück, sehen es rechtzeitig, warnen uns gegenseitig davor. Anders erging
es Volker, wie im Forum nachzulesen steht. Er war dort gestürzt, hatte sich zum
Glück nur seinen Helm gebrochen. Mir fällt ein, dass ich mich schon vor vier
oder fünf Jahren über diese Stelle geärgert hatte und auch damals hier ein
Unfall passierte.
Alle Leute, die wir auf diesem Abschnitt überholen waren
mit uns im ersten Block gestartet, hatten sich offensichtlich übernommen. Wir
sehen nacheinander einen erheblich älteren und einen viel jüngeren
Mann entkräftet mit sich und der Strecke kämpfend. So sollte man RTF nicht
fahren, wenn man dauerhaft Spaß daran haben möchte.
Ich schnacke mit Karl Bergmann von der RV Germania, der
mir den Tipp mit der Kette gab. Er hat seine Gruppe ebenso flott wie gutgelaunter
Altherren verloren. Ich erzähle ihm euphorisch die Story mit dem 71-jährigen.
Karl schaut mich an, als ob ich blöd wäre. Bin ich wohl in dem Moment, denn das
kann ihm nicht imponieren. Ich erfahre, dass er in drei Jahren ebenfalls 71 wird.
Die Gegend ist leider auch bei den Autofahrern beliebt.
Wir fahren in einer 2er-Reihe, als uns eine große, ebenfalls in 2er-Reihe
fahrende Gruppe überholt. Die wird von zwei jungen, dynamischen Damen
angeführt, denen wohl entgangen war, dass uns in dem Moment ein PKW entgegen
kommt. Es wird verdammt eng für uns alle.
Wir gelangen in die Lüneburger Heide mit Oberhaverbeck
und Niederhaverbeck, wo sich das Epizentrum des Heidetourismus zu befinden
scheint. Kein Wunder, die Landschaft ist einladend, aber besser als mit dem
Rennrad ist sie mit dem Cross- oder Mountainbike oder auch zu Fuß oder einer
Kutsche abseits der
Straßen zu durchfahren.
Nun
hat sich mein Schleicher zu einer Panne entwickelt. Das ist schade, weil wir zur
gut laufenden Gruppe der Alt-Germanen aufgeSchlossen hatten, die nun ziehen
lassen müssen. Kurz darauf stelle ich fest, dass mein Tacho ausgefallen ist.
Das passt in mein Feindbild. Ist der etwa kaputt? Nee, ich hab das Vorderrad falsch herum eingesetzt, mit dem Magneten
zur anderen Seite.
Über Wintermoor gelangen wir zur B3, einer vielbefahrenen
Straße, bei der wir laut dem Veranstalter den Radweg benutzen sollen, was wir
auch freiwillig getan hätten, obwohl uns Split und Sand den entlang eiern lässt. Über Todtshorn erreichen wir das dritte, nicht ausgeschilderte Depot in Kampen.
Wer wie wir nicht von der Langstrecke direkt drauf zu fährt, brettert erst dran
vorbei.
Zu
essen gibt es, na Du weißt schon was. Mir gefällt, dass es Tee aus
Porzellanbechern gibt, die laufend neu abgewaschen werden. Wir treffen Jörg
wieder, der bereits die Extra-Langstreckenschleife abgefahren war. Auf seinen
Trikot steht "Lieb" drauf, in ihm ist aber der Jagdinstinkt voll
durchgebrochen. Mit den Worten "Helmut mach Platz!" rausch er an mir
vorbei. Klaus-Dieter Lieb vom Zweiradshop Lieb ist Mitglied und Hauptsponsor der RSG Blankenese.
Auf den letzten Kilometern ist auch bei uns die Luft raus.
115 Kilometer mit satten 690 Höhenmetern hatten wir abgespult. Am Ziel
erwartet uns Bockwürste und der restliche Kuchen. Ich versuche noch mit Franco,
Sandro und Adam vom Team Cuneo
ins Gespräch zu kommen, die aber sind voll und ganz im Giro-Fieber. Fazit:
Ich komme gern wieder, möchte dann aber vor den Schienen ein großes Warnschild
sehen und werde etwas für meinen Gaumen im Gepäck mitführen.
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