Hamburg-City-Man 2003 - Jedermänner mutierten zu Ironmen
Die Spannung war
schon bei der Hinfahrt zu spüren. An jeder Ampel standen mehr Radler neben
mir, die dem Rennen der Jedermänner auf der Sprintdistanz beim Triathlon entgegen fieberten. Fünfzehn
Minuten vor dem Start hatte ich dann einen Platz auf einer schmalen Mauer
zwischen Außenalster und einem Zugang zur U-Bahnstation ergattert. Dann ging es
auch gleich los. Zuerst erhob der Kommentator auf über hundert Meter laut
vernehmlich seine aufgeregte Stimme, stimmte auf das Ereignis ein. Die
ersten wohl rund hundert Teilnehmer gingen ins Wasser, wurden dann um Punkt ein Uhr ins
Rennen geschickt. Zu meiner großen Überraschung war die Leitungsstärke der
Gruppe sehr heterogen. Vorne ließ eine kleine Gruppe Krauelschwimmer das
Wasser brodeln, kämpfte um die beste Bahn um die beiden Wendebojen. Danach folgten langsamere Krauler und die schnellsten
Brustschwimmer. Sehr
schnell hatte sich das Feld auseinander gezogen. An den langsamsten wäre wohl
selbst ich vorbei gezogen. Warum also, hatte ich wegen des Schwimmens mir
wieder die Teilnahme verkniffen? Sei 's drum, die Langsamsten waren noch nicht
an an meinem Platz vorbei gekommen, da gingen bereits die nächsten hundert ins
Rennen.
Die Straßen
zwischen Ballindamm und dem Rathausmarkt waren an diesem Samstag voller Menschen.
Um zum Ausstieg der Schwimmer vor dem Rathaus zu gelangen, wich ich über die
Alsterarkaden aus. Die
Arkaden waren voller Touristen und betuchter Rentner, die wohl nicht geahnt hatten, was nun über sie
hereinbrach. Der Touri, dem die
Matjes mit Bratkartoffeln serviert wurden, tat mir leid. Sein Essen sah lecker aus,
war an dem Standort bestimmt nicht billig und hat ihm bei dem Radau wohl kaum
geschmeckt. Die Leute an den Tischen hatten wohl ungewollt mit die besten
Zuschauerplätze ergattert, trugen es aber mit Fassung. Als
nächstes wollte ich mir die Wechselzone anschauen. Dabei durchfuhr mich eine
Adrenalinzufuhr, wie man sie nur als Teilnehmer des Rennens gebrauchen konnte: Mein Fahrrad war
weg. Wo hatte ich es angeSchlossen? Hatte es vielleicht der Veranstalter
entfernen lassen, weil der Weg hier besonders eng war?
Wenige Minuten später hatte ich es wieder.
Es stand verdeckt hinter einer Traube von Zuschauern. Die meisten schienen
auf jemanden zu warten, wollten sehen, wie ihr Onkel, Tante, Partner,
Freund oder Freundin sich als Triathlet schlug. Die
Wechselzone bestand aus der Fahrbahn der Straße. Vor tausenden Zuschauern
zogen sich die Athleten um. In Augenhöhe hatte der Veranstalter auf
beiden Seiten ein Werbeband als Sichtschutz gespannt. Das wirkte. Man
konnte zwar trotzdem alles sehen, ein Rest von Intimsphäre schien aber
gewahrt zu bleiben. Im übrigen wirkten zumindest auf mich selbst die
hübschesten Athletinnen alles andere als erotisch, wenn sie sich hektisch
aus ihren Neoprenanzügen schälten. Anders
als im Vorjahr führte die Radstrecke bei den Sprintern in diesem Jahr
nicht durch die Mönckebergstraße. Auf der Seite, auf der die Teilnehmer
die Wechselzone mit dem Rad verließen, kamen sie auch wieder hinein. Dies
führte zu einer Wettbewerbsverzerrung. Je weiter man seine Sachen am
Rathaus deponiert hatte, um so weiter waren die Wege dort hin und zurück.
Als
nächstes wollte ich fotografieren, wie die Teilnehmer auf die Radstrecke
gehen. Es dauerte, bis ich einen mir geeignet erscheinenden Platz
einnehmen konnte. Die den Verkehr regelnden Polizisten waren sehr
pingelig. Ich sehe es ihnen nach, denn es galt zwischen den Interessen von
Teilnehmern und Zuschauern sowie den unbeteiligten Verkehrsteilnehmern auf
engsten Raum auszugleichen und dabei die Sicherheit zu gewährleisten. Der
Veranstalter hatte neben Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk ein großes
Aufgebot an Ordnern aufgefahren. Im Wasser begleiteten Motor- und
Paddelboote die Teilnehmer, beim Radfahren achteten zahlreiche
Kontrolleure auf Motorräder darauf, dass niemand im Windschatten seiner
Vorderleute fuhr. Beim Laufen wurden sie von Ordnern auf Rädern
begleitet.
Während
wohl noch Startgruppen zu Wasser gelassen wurden sah ich an der
Außenalster den ersten Läufern zu. Da gab es solche, die professionell
wirkten, anderen war anzusehen, dass ihre Stärke bei den anderen
Disziplinen lag. Die meisten wirkten sehr konzentriert, einer lächelte
(Foto), ein anderer winkte mir
fröhlich in die Kamera. Den
Zieleinlauf habe ich mir in diesem Jahr verkniffen. Erstens war ich knapp
an Zeit, zweitens wollte ich mich nicht wieder darüber ärgern, dass ich
nicht selbst teilgenommen hatte. Die Atmosphäre war im letzten Jahr toll,
wird in diesem Jahr sicherlich noch besser gewesen sein. Um
beim Start und dem Zieleinlauf, der Wechselzone und alle Disziplinen
zuzuschauen, hätte ich kein Fahrrad benötigt. Die wichtigsten Punkte
wären ebenso bequem zu Fuß zu erreichen gewesen. Weil der Start bei den
Jedermannrennen in mehreren Blöcken erfolgt, kann man in Ruhe das Areal
ablaufen. Man trifft immer auf Athleten. Als ich an der Laufstrecke ankam,
hatten die ersten Teilnehmer schon das Schwimmen und Radfahren hinter sich
gebracht. So kam für mich nie Langeweile auf.
Auf
dem Rückweg sah ich einen Radler, der eine mit großen Holsten
Cooler-Schildern dekorierte Rikscha fuhr. Zu meinem Erstaunen erklärte er
mir, dass das sein privates Transportmittel und die Fahrgäste seine
Familie ist. Die Reklame hatte er zur Feier des Triathlon-Tages aufgelegt. Im Wandsbeker Quarree traf ich meinen Tonndorfer Genossen Rüdiger Reese,
berichtete ihm begeistert von dem, was ich erlebt hatte. Spontan erklärte
er, im nächsten Jahr ebenfalls starten zu wollen. Mal sehen, vielleicht
gehen wir ja als Team SPD Tonndorf-Hohenhorst ins Rennen. Abends
um halb acht, als ich zum Ohnsorg Theater ging, hörte ich von weitem
wieder den Kommentator. Der hatte sich da erst richtig in Rage geredet.
Was ihn in Verzückung geraten ließ, war Anja Dittmer, die Gewinnerin des
Worldcup-Rennens der Profis. Mit einer Deutschland-Fahne lief sie eine Ehrenrunde
zwischen Rathaus und Mönckebergstraße.
Die
Firma upsolut hatte wieder eine aus Profi- und Jedermannrennen gemixte
Veranstaltung organisiert, analog zu den seit vielen Jahren von ihnen erfolgreich ausgerichteten
HEW-Cyclassics. Als Jedermann hatte man die Wahl zwischen der Sprintdistanz (500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren, 5 Kilometer
Laufen) und der Olympischen Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer
Radfahren, 10 Kilometer Laufen). Doppelt so viele Teilnehmer wie im
letzten Jahr waren gestartet. Auf
die Olympische Distanz ging es am Sonntag, zuerst für die Jedermänner,
dann für die Profis, die ich mir live auf N3 ansah. Schade, dass das
Rennen nur im Regionalfernsehen gezeigt wurde; mit der Innenstadt, der
Alster und dem Rathaus als Hintergrund und Sportarena hätte Hamburg kaum
besser für sich werben können.
Hier
nun der Blick auf die Ergebnisse meiner
Arbeitskolleginnen und -Kollegen der Haspa und deren Angehörigen. Auf der
Sprintdistanz erreichte Dr. Michael Röhrs den 19. Platz unter den 1.335 klassierten
Männern. Michael
wurde vierter in seiner Alterklasse! Mit
1:24.19 wurde Ramona Ewald 31. unter 422 klassierten Frauen ebenfalls auf der
Sprintdistanz, erzielte die 19.-beste Zeit im Radfahren, den 11. Platz in
ihrer Altersklasse. Joachim Ewald, ihr Ehemann, Schloss bei kräftigem
Südwind im Radfahren mit der 272.-besten Zeit ab. Gerald
Czarnojohn schwamm 45 Minuten lang ohne Neoprenanzug in der 17 Grad
kühlen Alster, kam damit auf der Olympischen Distanz unter 1.679
klassierten Männern als 1.596. aus dem Wasser, setzte dann zu einer
grandiosen Aufholjagd an, wurde 793. im Radfahren, 511. im Laufen und
damit noch 1.100 insgesamt, 310. in seiner Altersklasse.
Norbert
Zobel und Jörg Weichert mussten krankheits- bzw.
verletzungsbedingt auf den Start verzichten. Norbert hatte gewettet, dass er Jörg Rösemeier um mindestens zehn Minuten
schlagen würde. Letzterer war aber so schnell, dass das wohl nicht
geklappt hätte. Und ich
hatte wieder wegen
der Schwimmdisziplin gekniffen, war nur als Zuschauer und Journalist
erschienen. Was ich an der Alster erlebt habe, lässt aber nur einen
Schluss zu: Nächstes Jahr spring auch ich in die Alster!
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